Auf den Spuren Kants in Pillau-Baltijsk

 

Karl Vorländer: Immanuel Kant – Der Mann und das Werk (1924)

3. Auflage, S. 141:

In die nähere und weitere Umgebung Königsbergs (hat Kant) öfters Ausflüge unternommen. So besuchte er mit Green die sogenannte „Störbude“ und die „angenehmen Gegenden um Pillau“ (Borowski). Unter der Störbude ist wahrscheinlich ­ein kleines Haus zu Alt-Pillau zu verstehen, in dem der Stör mariniert und sein Rogen zu „preußischem“, bis nach Frankreich und Rußland ausgeführtem Kaviar ver­arbeitet wurde; Kant hat sich vermutlich die Zubereitung an Ort und Stelle ansehen wollen. Der Stör, der sich übrigens — wie heute noch vereinzelte Möwen — manchmal bis nach Königsberg verirrte, wurde bei Pillau in solcher Menge gefangen, daß schon Friedrich Wilhelm I. 1725 dem zur Stadt erhobenen bisherigen „Stördorf“ Pillau den einträglichen Meeresbewohner als Wappentier gab. So hat Kant nicht bloß, wie in der Seenlandschaft bei Goldap und zum Teil auch bei Amsdorf, ansehnliche, bis ­zu 270 Meter Höhe aufsteigende Hügel gesehen, sondern auch mehr als einmal das Meeresbrausen aus nächster Nähe vernommen, wenn er bei Pillau an den Dünen des Haffs oder der Ostsee gestanden hat und durch die dortigen anmutigen Waldungen gewandert oder gefahren ist. Einmal, als er die Rückfahrt nach Hause zu Schiffe durch das Haff machte — sie betrug bei gutem Wetter vier Stunden —, hat er sogar die Seekrankheit bekommen …:

 

 

Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, § 28, Fußnote:

„Die Seekrankheit (von welcher ich selbst in einer Fahrt von Pillau nach Königsberg eine Erfahrung gemacht habe, wenn man anders dieselbe eine Seefahrt nennen will) mit ihrer Anwandlung zum Erbrechen kam, wie ich bemerkt zu haben glaube, mir blos durch die Augen; da, beim Schwanken des Schiffs aus der Kajüte gesehen, mir bald das Haff, bald die Höhe von Balga in die Augen fiel und das wiederkommende Sinken nach dem Steigen vermittelst der Einbildungskraft durch die Bauchmuskeln eine antiperistaltische Bewegung der Eingeweide reizte.“

Zur Geschichte der „Störbude“:

Weiteres wichtiges Gebäude der Anfangszeit war die Störbude in Wogram, wo Ordensangestellte und später staatliche Beamte - Störmeister, Störkocher, Netzmeister etc. - aus dem Stör den Kaviar und den Pökelfisch gewannen. Das Fleisch wurde erst mit viel Salz gekocht und anschließend in Fässern mit Weinessig übergossen und galt als hochgeschätzte Delikatesse. Der Rogen des Störs wurde in jener Zeit als „preußischer Kaviar“ in ganz Europa verkauft. Dann lief ihm der russische Kaviar den Rang ab. Die größten Fänge gab es im April, wenn die Störe durch das Tief zum Laichen in die Weichsel aufbrachen, und im September. Der Orden behielt sich das Monopol für den Störfang vor. Später wurde das Monopol verpachtet. Mit der sich verflachenden Nogat, die den Weg zu den Laichplätzen behinderte, nahm das Aufkommen der Fänge immer mehr ab und hörte schließlich ganz auf. Der Stör ging bei der Stadtgründung in das Wappen von Pillau ein.

Quelle: https://www.ostpreussen.net/ostpreussen/orte.php?bericht=1431

Wappen der Stadt Pillau:
Wappen von Baltijsk:

In Pillau (Baltijsk) steht noch heute das Denkmal des Wasserbaudirektors Gotthilf Hagen (1797 –1884), eines Neffen des Kant-Freundes Karl Gottfried Hagen (1749-1829). Bekannt wurde er durch das nach ihm benannte „Hagen-Poiseuille´sche Gesetz“.  Auch sein Lebensweg ist geprägt durch die Entwicklungen im Rahmen der Humboldt´schen Bildungsreform, die von seinem Onkel K. G. Hagen gemeinsam mit I. Kant angestoßen wurden.   Nach Studien in Mathematik und Astronomie bei F. W. Bessel, wechselte Gotthilf Hagen zum Baufach über und legte hierin 1822 die Staatsprüfung in Berlin ab. 1830/31 erhielt er die Stelle eines Oberbaurates in der "Oberbaudeputation" in Berlin und lehrte von 1834 bis 1849 als Dozent für Wasserbau an der Berliner Bauakademie und der "Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule“. Hier erklomm er, über Stationen in Königsberg, Danzig und Pillau, die höchste Stufe bis zum Oberlandesbaudirektor (1869) im Dezernat Wasserbau, zu dessen Aufgaben die Überprüfung der großen Wasser- und Hafenbauten gehörte.

Quelle: Die Freundschaft zwischen Immanuel Kant (1724-1804) und Karl Gottfried Hagen (1749-1829), von Prof. Dr. Dirk Hagen, Dr. E. Neumann-Redlin v. Meding (https://www.freunde-kants.com/geschichte)

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