Über Kant

Max Egremont

 

Das erste Mal begegnete ich Immanuel Kant im Jahre 1992, bei meinem ersten Besuch in Kaliningrad, kurz nach dem Ende der Sowjetunion. Es war leider nicht der große Mann selbst, sondern sein Grab, das auf wundersame Weise Konflikte, Zerstörung und Wiederaufbau überdauert hat – eine Beschwörung der Vergangenheit neben der damaligen Ruine des Doms und anderen Erinnerungen an die vergangene Geschichte der Stadt. Wie viel hat sich durch den Krieg in der Heimatstadt des Philosophen seit seinem Tod im Jahr 1804 verändert! Selbst der Name ist ein anderer. Denn Kant hatte seit seiner Geburt dort 1724 in Königsberg gelebt, nicht in Kaliningrad. Er würde sich nicht träumen lassen, dass es sich dabei nun um ein und denselben Ort handelt.

An jenem Tag vor fast dreißig Jahren lief ich vom Kaliningrader Hotel aus vorbei an dem  zerstörten mittelalterlichen Dom, einst einer der größten Backsteinbauten Europas, zu den Pfeilern von Kants Mausoleum, einem Überbleibsel aus Königsberg. Der Philosoph schien über das Grab hinaus zu greifen, um es vor dem sowjetischen Wiederaufbau zu schützen, auch vor den großen Luftangriffen von 1944. Denn ein Großteil des historischen Stadtkerns war durch britische Bomben zerstört worden. Das neue Kaliningrad wurde auf den Ruinen des alten Königsbergs errichtet.

Umgeben von der sowjetischen Nachkriegsstadt ist die Grabstätte zu einem Treffpunkt der Russen geworden. Frisch verheiratete Paare lassen sich dort fotografieren, und es ist einer der von Touristen am meistbesuchten Orte in der Stadt. Denn Kant ist nach Osten gelangt, wurde von Lenin bewundert, und seine „Kritik der reinen Vernunft“ wurde als Pflichtlektüre an sowjetischen Universitäten studiert. Man sagt, der Respekt vor dem Grab des Philosophen habe sogar den kompletten Abriss des angrenzenden Doms verhindert, der nun im neuen Russland nach 1991 wiederaufgebaut wurde.

Obwohl Immanuel Kant bereits 1804 starb, wurde das heutige Grab erst 1924 nach einem Entwurf des deutschen Architekten Friedrich Lahrs errichtet. Kant war ursprünglich innerhalb des Doms begraben worden und wurde erst in den 1880er Jahren in eine Kapelle umgebettet, die aber in der Folge baufällig wurde. Die erneute Umbettung fand 1924 statt, nur sechs Jahre nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Die Zeremonie rief somit frühere deutsche Geistesleistungen wieder wach und brachte sie durch den Nebel der zeitgenössischen Demütigung und des Zweifels zurück in die Stadt.

Kant war nicht nur Bürger von Königsberg, der alten Hauptstadt Ostpreußens, sondern auch kurzzeitig (von 1758 bis 1762) ein Russe, als die Stadt zum Russischen Reich gehörte. In jenen Jahren besuchten russische Offiziere seine Vorlesungen an der Universität, die im sechzehnten Jahrhundert vom Hohenzollernherzog Albrecht gegründet worden war. Obwohl ihm Stellen an anderen Universitäten wie Jena angeboten wurden, verließ Kant seine Heimatstadt nie. Er widmete sich der Arbeit und der Lehre, zeigte aber auch Geselligkeit im Beisein seiner Freunde und Tischgenossen, zu denen die britischen Kaufleute Joseph Green und Robert Motherby gehörten.   

Das neoklassizistische Denkmal, das ich 1992 sah, das Grab eines der größten Philosophen Europas – vielleicht sogar der Welt – symbolisiert intellektuelle Unsterblichkeit. Denn Immanuel Kant überwindet Grenzen. Das erlebte ich, als ich rund zwanzig Jahre später mit einem Professor aus Tokio dort stand, der weinte, als er die Grabstätte seines Helden sah.

Der Romantiker Nietzsche erklärte einst, die Moralphilosophie seines Vorgängers sei „blass, nördlich, königsbergisch“. Man hat Kant vorgeworfen, kalt zu sein – aber das scheint eine seltsame Sicht auf das, was aus Königsberg hervorging; nicht nur in Kants eigenen Denken, sondern auch in dem seiner Schüler, Herder und Hamann. Hat Kant nicht gesagt, dass man nur in das Auge einer Schwalbe schauen muss, um den Himmel zu sehen?  Sein berühmtestes Werk ist die „Kritik der reinen Vernunft“, eine Warnung vor der vollständigen Akzeptanz des aufklärerischen (oder französischen) Determinismus. Mit seiner Betonung des Willens weist Kant auf die romantische Revolution des neunzehnten Jahrhunderts hin.

Ich bin Kant oft auf meinen Reisen über die östliche Ostsee begegnet. Die „Kritik der reinen Vernunft“ wurde erstmals in Riga (damals Teil des Russischen Reiches) veröffentlicht, der Bruder des Philosophen war Pfarrer in Kurland (heute ein Teil von Lettland) und in der estnischen Universität von Tartu gibt es Manuskripte von Kant und einen Abguss seiner Totenmaske. Tartu liegt in der Nähe des Peipussees und der russischen Grenze, wo 1242 Alexander Newskis Truppen den Deutschritterorden in der großen Schlacht auf dem Eis besiegten und damit den Marsch des westlichen Christentums nach Osten stoppten.

Kant hingegen zeigt die Ausbreitung der deutschen Kultur nach Osten in die baltischen Länder. Jahrelang wurden weite Teile davon von den Nachfahren der baltischen deutschen Siedler beherrscht, die nach den Kreuzzügen aus dem Norden kamen. Sie kontrollierten die einheimische Bevölkerung, so wie es englische und schottische Siedler jahrhundertelang in Irland taten.

Die kantische Ethik beinhaltet den Begriff der Pflicht, die Macht des Willens und den Wert des Individuums.  Obwohl er die organisierte Religion ablehnte, dachte Kant, dass wir ohne Gott zur Verzweiflung verdammt sind. Kants Gott brauchte keine Kirchen oder Gebete oder gar eine intellektuelle Definition. Kant dachte, dass bestimmte Konzepte schlichtweg jenseits des menschlichen Verständnisses liegen.

Kant glaubte an die moralische Gleichheit der Menschen und lehnte Kolonialismus oder Eroberung ab. Man sollte jede Handlung, die man vornimmt, so dachte Kant, im Hinblick auf ein universelles moralisches Gesetz beurteilen. Wie wäre es, wenn das, was man tut, für alle gelten würde? Er begrüßte die Aufklärung, dachte aber, dass die Vernunft ihre Grenzen habe, die paradoxerweise nur die Vernunft definieren könne. Die Vernunft war jedoch durch ihre Verankerung in der Erfahrung begrenzt. Kant begrüßte die Französische Revolution. Ihr Terror, so dachte er, zeige, wie Fortschritt durch Kampf und individuelles Leiden entstehen könne. Ist das kalt oder einfach realistisch?  Abschreckend ist es allemal, vor allem nach den Schrecken des 20 Jahrhunderts.

Als Weltbürger greift Kant über den Nationalismus hinaus nach dem Weltfrieden. Er war aber zweifellos Preuße: das vierte von neun Kindern eines armen Riemermeisters, aus einem Umfeld des Pietismus, eines Ablegers des Luthertums, der weltliche Kleriker ablehnte und individuelles Gewissen, Arbeit, Pflicht und Gebet hochhielt und wichtig für die Verbreitung der Bildung im Deutschland des 17 Jahrhunderts war. Eine „Religion des Herzens“ war es, was die Pietisten anstrebten. Ihr Glaubensbekenntnis mag Kants intellektuelle Entwicklung nicht sonderlich beeinflusst haben, er missbilligte ihren Stolz, zu den Auserwählten zu gehören, und die unflexible pietistische Erziehung, die ihm als Kind zuteilgeworden war. Aber die Tugend der Pflicht entwickelte sich als zentral für sein Denken.

Kant betrachtete die Welt von Königsberg aus, obwohl er es nie verließ. Zu seinen Freunden gehörten Motherby und Green, er bewunderte den schottischen Philosophen David Hume und den englischen Dichter Alexander Pope, und er kannte das Werk der französischen Philosophen und ihren unerbittlichen Rationalismus. Als Kant 1804 starb, war die romantische Bewegung dabei, eine neue intellektuelle Landschaft zu schaffen. Dennoch standen die Menschen Schlange, um seinem Leichnam die letzte Ehre zu erweisen, dessen Beerdigung warten musste, bis die gefrorene ostpreußische Wintererde aufgetaut war.

Auf Kants Grab stehen heute die eigenen Worte des Philosophen: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt  mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Sie sind dort passenderweise in zwei Sprachen eingraviert, auf Deutsch und Russisch, was die wechselnde Identität von Kants Heimatstadt und die Zeitlosigkeit seines Denkens widerspiegelt. Obwohl Königsberg zu Kaliningrad geworden ist, greift Kant immer noch über jedwede Nationalität hinaus auf die universelle Weisheit.

 

Übersetzung aus dem Englischen: J. Magnus Obermann

 

© 2021 Max Egremont