Die Kant-Orte in Kaliningrad/ Königsberg und Umgebung
Gerfried Horst

1. Immanuel Kant ist am 22. April 1724 in Königsberg geboren und am 12. Februar 1804 ebenda gestorben. Er ist fast 80 Jahre alt geworden; über 70 Jahre seines Lebens hat er in seiner Heimatstadt verbracht. Königsberg, das heutige Kaliningrad ist deshalb der wichtigste Kant-Ort. Es gibt dort derzeit die folgenden Kant-Gedenkstätten:

  • das Kant-Grabmal am Königsberger Dom;

  • das Kant-Museum im Turm des Doms;

  • das Kant-Denkmal von D. Rauch vor dem Gebäude der Neuen Universität am früheren Paradeplatz

  • ein Kant-Zimmer im Gebäude der neuen Universität

  • eine Gedenktafel am unteren Lenin-Prospekt (früher Vorstädtische Langgasse) an einem Haus, wo Kants Geburtshaus stand;

  • eine Nachbildung von Hut und Stock Kants auf einer Steinbank an der Stelle (neben dem Ozeanmuseum), bis zu der Kant seine gewöhnlichen Spaziergänge gemacht haben soll;

  • eine Tafel mit dem bekannten ersten Satz des Beschlusses der Kritik der praktischen Vernunft an der früheren Schlossmauer.
     

Zusätzlich wird hier vorgeschlagen, die Stelle zu bezeichnen, an der Kants Wohnhaus stand. Diese Stelle – die sich etwa gegenüber dem jetzigen Hotel „Kaliningrad“ befindet – sollte genau vermessen und die Lage des Hauses durch einen Umriss auf dem Straßenpflaster, vielleicht auch durch einen Gedenkstein kenntlich gemacht werden.

2. Etwa im Zeitraum von 1747 oder 1748  bis 1754 hat Kant als Hauslehrer außerhalb von Königsberg gelebt. Der erste Biograph Kants, Ludwig Ernst Borowski, schrieb in seiner Biographie, die Kant selbst noch gelesen und an manchen Stellen korrigiert hat:

Der stille ländliche Aufent­halt diente ihm zur Förderung seines Fleißes. Da wurden schon in seinem Kopfe die Grundlinien zu so manchen Untersuchungen ge­zogen, manches auch beinahe vollständig ausgearbeitet, womit er, wie wir weiter unten anzeigen werden, in den Jahren 1754 u. f. zur Überraschung vieler, die das von ihm, wenigstens nicht in dem Maße erwartet hatten, auf einmal und schnell aufeinander hervor­trat. Da sammelte er sich in seinen Miszellaneen aus allen Fächern der Gelehrsamkeit das, was ihm fürs menschliche Wissen irgend erheblich zu sein schien – und denkt heute noch mit vieler Zufrie­denheit an diese Jahre seines ländlichen Aufenthalts und Fleißes zurück.

(Ludwig Ernst Borowski, Darstellung des Lebens und Charakters Immanuel Kants – Von Kant selbst genau revidirt und berichtigt“, Königsberg 1804 // Immanuel Kant, Sein Leben in Darstellungen von Zeitgenossen, hrsg. von Felix Gross, Darmstadt 1993, S. 14)

Die Orte, an denen sich Kant außerhalb von Königsberg aufgehalten oder die er besucht hat, sind also nicht nur wegen seiner Anwesenheit dort von Bedeutung. Manche Orte lassen sich auch mit bestimmten Werken Kants in Beziehung bringen, an denen er dort gearbeitet hat. Kant konnte sein großes Wissen nur dadurch erwerben, dass er – besonders in jungen Jahren, also auch während seiner Hauslehrertätigkeit – immer weiter lernte und nachdachte. Ohne Zweifel öffnete er sich dabei auch der ihn umgebenden Natur und lernte die Menschen kennen, mit denen er zusammenlebte. Die Orte, an denen sich Kant aufhielt, sind deswegen Gedenkorte nicht nur seines Lebens, sondern auch seiner Lehre.

3. a) Von 1747 bis 1750 oder von 1748 bis 1751 war Kant Hauslehrer bei dem reformierten Prediger Daniel Andersch in Judtschen (ab 1938 Kanthausen, ab 1946 Weselowka). Das Pfarrhaus, in dem Kant wohnte, ist zweimal grundlegend umgebaut und erweitert worden. Wie der Sachverständige Dr. Dierk Loyal festgestellt hat, stammen die rechte Seite des heute vorhandenen Hauses und der darunterliegende Keller jedoch noch aus dem ursprünglichen Bau. Da wir nicht wissen, wie das Haus um die Mitte des 18. Jahrhunderts, als Kant dort wohnte, ausgesehen hat, sollte es in seinem jetzigen Aussehen  erhalten und nur insoweit neu aufgebaut werden, als dies aus bautechnischen Gründen notwendig ist. Herr Dr. Loyal wird darüber ein Gutachten erstellen.

b) Aus Judtschen hat Kant am 23. August 1749 einen Brief (vermutlich) an Albrecht v. Haller geschrieben, in dem er mitteilt, der bereits 1746 begonnene Druck seines Werkes „Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“ sei nun beendet; er kündigt außerdem an, bald ein weiteres Werk vorlegen zu wollen. Daraus ergibt sich klar, dass Kant während seiner Abwesenheit aus Königsberg weiterhin schöpferisch tätig war. Wer nach Judtschen/Weselowka kommt, besucht den Ort, an dem Kant seine frühesten Schriften konzipiert und verfasst hat. Es dürfte übrigens kein Zufall sein, dass Kant sich – auf dem Lande lebend – in seinen ersten Schriften vorrangig mit der Naturgeschichte beschäftigt hat.

c) In dem früheren Pfarrhaus könnten ein Kant-Museum sowie ein wissenschaftliches Konferenzzentrum eingerichtet werden, in dem das Schwergewicht auf die Frühschriften Kants gelegt werden sollte. Weiterhin könnte dort eine völkerkundliche Dauerausstellung entstehen, die über die Geschichte der Einwanderer im frühen 18. Jahrhundert (Franzosen, Schweizer, Salzburger usw.) informiert. Es kann dargelegt werden, dass Kant, der Ostpreußen nie verlassen hat, in Judtschen mit Menschen aus verschiedenen Nationen in Berührung gekommen ist und aus diesen persönlichen Begegnungen seine Kenntnisse über die verschiedenen Nationalcharaktere gewonnen hat. Eine weitere Dauerausstellung könnte der Flucht und Vertreibung der deutschen Einwohner Judtschens/Kanthausens sowie der Geschichte der Einwanderer aus der Sowjetunion in den Jahren 1945/46 gewidmet sein. Da Judtschen/Weselowka etwa in der Mitte zwischen Insterburg/Tschernjachowsk und Gumbinnen/Gusev liegt, könnte die Geschichte dieser ganzen Region einbezogen werden.

d) Es erscheint wünschenswert, die heutigen Einwohner von Weselowka an dem Projekt zu beteiligen. Einwohner, die in Weselowka aufgewachsen sind, können Auskunft darüber geben, wie die Kirche, die Schule und andere Gebäude aussahen, bevor sie verschwunden sind. Einige von ihnen könnten als Museumswärter, Reinigungskräfte, Handwerker, Wachpersonal usw. in dem Museum tätig werden. Das Kant-Haus könnte gleichzeitig ein Dorfgemeinschaftshaus von Weselowka werden, vielleicht auch ein Mittelzentrum für andere umliegende Gemeinden.

4. Von 1750 oder 1751 bis 1754 war Kant Hauslehrer bei dem Rittergutsbesitzer Bernhard Friedrich v. Hülsen in Groß-Arnsdorf (heute Jarnoltowo/Polen). Das Gutshaus ist 1945 abgebrannt. An deralten Schule wurde 1994 eine Gedenktafel angebracht, die an den Aufenthalt Kants erinnert. In dem Ort haben Einwohner ein Mini-Kant-Museum eingerichtet und das Museum Stadt Königsberg in Duisburg gebeten, Ausstellungsmaterialien zur Verfügung zu stellen. Der Ort ist von den Einwohnern des Kaliningrader Gebiets im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs und von Deutschen ohne Visum zu erreichen. Der Kant-Gedenkort Groß-Arnsdorf /Jarnoltowo kann somit in die Reihe der Kant-Orte des Kaliningrader Gebiets einbezogen werden.

5. a) Hat Kant nach seinem Aufenthalt in Groß-Arnsdorf noch an einem anderen Ort als Hauslehrer gearbeitet?  Bei dem Trauerakt der Königsberger Universität Albertina am 23. April 1804 sagte Professor Samuel Gottlieb Wald, Kant sei nach seinem Aufenthalt im Hause v. Hülsen noch zu dem „Grafen Kayserling in Condition“ gegangen. Graf Johann Gebhard Keyserlingk (1699 -1761) lebte mit seiner Frau Caroline Charlotte Amalie geb. Gräfin Truchseß-Waldburg und zwei Söhnen, die 1745 und 1747 geboren wurden, auf Schloss Rautenburg (Kreis Tilsit-Niederung). Wie Karl Vorländer in seinem Werk „Kants Leben“ ausführt, ist es jedoch unwahrscheinlich, dass Kant sich an diesem Ort aufgehalten hat. Es scheint so zu sein, dass er von Königsberg aus in den Jahren 1754/1755 einen jungen Grafen Keyserlingk auf dem unweit von Königsberg gelegenen Schloss Waldburg-Capustigall unterrichtet hat. Kants späterer Freund und Kollege Christian Jacob Kraus schrieb 1804 an Prof. Wald, Kant habe ihm erzählt, er habe „in einem gräflichen Hause unweit Königsberg die Erziehung, die er zum Teil mit von Königsberg aus (als Magister, wenn ich nicht irre) besorgen“ helfen, und zwar sei er „regelmäßig alle Woche ein- oder ein paarmal nach dem Gräflich Truchseßschen Gute Capustigall abgeholt worden, um da … den Grafen, der noch lebt, zu unterrichten“ (zitiert bei K. Vorländer, Kants Leben, S. 35/36). Das Schloss Waldburg/Capustigall (1945 zerstört) kann also ebenfalls als Kant-Ort bezeichnet werden.

b) Der Sohn des letzten Schlossherrn, Hans Graf zu Dohna, schrieb: „Waldburg ist nach dem Kriege nicht mehr neu besiedelt worden. Die Ortschaft blieb als Trümmerfeld liegen. Nur der Park über­stand den Krieg und dehnte sich im Laufe der Zeit zu einer düste­ren Wildnis aus.

1990 interessierten sich russische Familien aus Kaliningrad für Wald­burg. Sie bauten mit Hilfe der umherliegenden Trümmer auf den Fun­damenten des ehemaligen Kutscherhauses ein Gebäude, das sie seit­dem zu gemeinschaftlichen Treffen benutzen. Dabei studieren sie die Lehren des russischen Malers und indisch inspirierten Philosophen Nikolai Konstantinowitsch Roerich (1874-1947) und suchen des­sen Erkenntnisse in ihrer Gemeinschaft zu verwirklichen. Mittlerweile gibt es freundschaftliche Kontakte mit ihnen und sie bemühen sich, den untergegangenen Ort und den Park im Rahmen ihrer bescheidenen Mittel als „historischen Platz” zu erhalten. Weil Waldburg nach dem Krieg nicht mehr bewohnt war, hat es nicht, wie sonst alle anderen dortigen Ortschaften, einen neuen russischen Namen bekommen. Am Eingang zum Park ist ein Schild an einen Baum genagelt, auf dem in kyrillischer Schrift „Park Waldburg” zu lesen ist.“

(Hans Graf zu Dohna, Waldburg-Capustigall, Ein ostpreußisches Schloss im Schnittpunkt von Gutsherrschaft und europäischer Geschichte, Limburg 2009, S. 138/139)

c) Der große russische Maler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Humanist Nikolai Konstantinowitsch Roerich hat ähnlich wie Immanuel Kant für eine Welt-Friedensordnung gekämpft und sich dafür eingesetzt, ein internationales Abkommen abzuschließen, das dem Schutz von Kulturgütern dienen sollte. Am 15. April 1935 führten seine Bemühungen zum Erfolg: Im Weißen Haus in Washington, in Anwesenheit von Präsident Franklin D. Roosevelt, unterzeich-neten die Vertreter der USA und zwanzig latein-amerikanischer Staaten den „Vertrag über den Schutz künstlerischer und wissenschaftlicher Einrichtungen und geschichtlicher Denkmäler“, der allgemein als „Roerich-Pakt“ bezeichnet wird. Der Pakt sieht vor, dass geschichtliche Denkmäler, Museen, Bildungs-, Kunst-, wissenschaftliche und andere Kultureinrichtungen im Falle eines Krieges als neutral anzusehen sind und geschützt werden müssen.

Wenn die Kant-Orte im Kaliningrader Gebiet wiederhergestellt werden, entspricht das auch den Forderungen von N. Roerich. Es wird hier vorgeschlagen, den Park des ehemaligen Schlosses Waldburg-Capustigall als eine I. Kant und N. Roerich gewidmete Stätte wiederherzustellen und zu pflegen.

6. Ein weiterer wichtiger Kant-Ort ist das Rittergut Groß-Wohnsdorf (seit 1946: Kurortnoje) der Kant-Freunde Friedrich Leopold und Carl Wilhelm Freiherr von Schrötter.  In seiner im Todesjahr Kants 1804 veröffentlichten Biographie “Immanuel Kant geschildert in Briefen an einen Freund” schrieb R.B. Jachmann im 13. Brief:

“Mir ist nur ein einziges Haus bekannt, das in meilenweiter Entfernung von Königsberg sehr oft auf mehrere Tage von unserm Weltweisen besucht worden ist und wo er sich so ganz nach seinem Geschmack glücklich gefühlt hat, nämlich das väterliche Haus des Ministers und Kanzlers v. Schrötter zu Wohnsdorf. Kant wußte nicht genug zu rühmen, welche Humanität in diesem Hause seines Freundes geherrscht habe und mit welcher ausgezeichneten Freundschaft er von dem vortrefflichen Mann, gegen den er noch im Alter die größte Hochachtung hegte, stets aufgenommen worden ist. Besonders versicherte er hier die angenehmste ländliche Erholung gefunden zu haben, weil sein humaner Gastfreund ihn nie eingeschränkt habe, ganz wie in seinem eigenen Hause, nach seinem Geschmack zu leben.”

Und Kants Schüler E. A. Ch. Wasianski schrieb in seinem ebenfalls 1804 veröffentlichten Buch “Immanuel Kant in seinen letzten Lebensjahren”:

„Mit fast poetischer Malerei, die Kant sonst in seinen Erzählungen gerne vermied, schilderte er mir in der Folge das Vergnügen, welches ein schöner Sommermorgen in den frühern Jahren seines Lebens ihm auf einem Rittergute, in der dort befindlichen Gartenlaube an den hohen Ufern der Alle, bei einer Tasse Kaffee und einer Pfeife gemacht hatte. Er erinnerte sich dabei der Unterhaltung in der Gesellschaft des Hausherrn und des Generals von L., der sein guter Freund war. Alles war dem Greise so gegenwärtig, als wenn er jene Aussicht noch vor sich hätte, jene Gesellschaft noch genösse. Um ihn recht zu erheitern, durfte man nur zuweilen dem Gespräche eine Wendung auf diesen Gegenstand geben, so war er sogleich wieder heiter und froh.”

Kant machte in den Jahren 1763 bis etwa 1775 dort mehrere Besuche. Das Herrenhaus Groß Wohnsdorf (erbaut in der Mitte des 19. Jahrhunderts) und das umliegende Gelände sind heute im Privatbesitz. Der Ordensturm aus dem 14. Jahrhundert und das Gelände der alten Ordensburg gehören dagegen dem Staat (der Kaliningrader Oblast oder der Russischen Föderation) oder der Russisch-Orthodoxen Kirche (das muss festgestellt werden). In dem Ordensturm wohnte Friedrich Leopold Freiherr v. Schrötter. Der Berliner Hofbaumeister Friedrich Gilly versah den Turm zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit gotisierenden Fenstern, einem zinnenartigen Kranzgesims und einem geschweiften Bohlendach. In einer Laube vor dem Toreingang des Turms saßen Friedrich Leopold von Schrötter und sein Vater Friedrich Wilhelm von Schrötter (1712 – 1790) bei Tabakspfeife und Kaffee im Gespräch mit Immanuel Kant.

Es wird hier vorgeschlagen, den Ordensturm als bedeutendes Baudenkmal wiederherzustellen. In ihm könnte ein Museum eingerichtet werden, das Immanuel Kant und Friedrich Leopold v. Schrötter sowie seiner Familie gewidmet ist. Das Gutshaus und die Nebengebäude könnten eine deutsch-russische und internationale Begegnungsstätte werden, wo Tagungen über die Philosophie Kants, das Verhältnis zwischen Russland, Deutschland und Europa, die Entwicklung des Kaliningrader Gebiets im Verhältnis zu Europa und Russland usw. stattfinden. Träger dieses Unternehmens könnten die Kaliningrader Gebietsverwaltung, die Kant-Universität, die örtliche Verwaltung und deutsche Stiftungen gemeinsam werden. In der Nähe von Wohnsdorf liegt die noch weitgehend unzerstörte kleine Stadt Pravdinsk/ Friedland; dort befinden sich mehrere Denkmäler aus der Zeit der Schlacht von Friedland 1807, die in deutscher und russischer Sprache daran erinnern, dass Russen und Deutsche damals Verbündete waren. Das Museum im Ordensturm könnte mit dem Heimatmuseum Pravdinsk/Friedland verbunden sein.

Als erster Schritt sollten der Ordensturm und die übrigen Gebäude unter Denkmalschutz gestellt werden, um den weiteren Abbruch zu verhindern.

7. Ein weiterer Kant-Ort ist das Forsthaus Moditten, wo Kant bei seinem Freund, dem Forstmeister Michael Wobser (1724 – 1795) zu Besuch war. Dort verfasste er die Schrift Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und des Erhabenen. Auch Kants Freunde Green, Motherby und Ruffmann, alles Kaufleute, waren bei Wobser zu Gast.

Geschlafen hat Kant im Forsthaus. Dicht da­neben lag ein kleines Häuschen, das Kant zum Ar­beiten diente. Das einfache Fachwerkhaus, einge­schossig und fast quadratisch errichtet, wurde später zur Erinnerung an Kants Aufenthalt zum „Kant-Häus­chen” ausgebaut. In seinen Räumen hingen Repro­duktionen von Darstellungen des Philosophen, in Vi­trinen lagen Handschriften und Urkunden. Im größten Raum stand ein Abguss der Büste Kants von Hagemann, die dieser 1801 fertigte. Das Kant-Häu­schen ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.

Es dürfte nicht schwierig sein, den einfachen Fachwerkbau „Kant-Häuschen“ nachzubauen. (Ein Beispiel dafür ist der Nachbau des Hauses von Prof. Joh. Thienemann auf der Kurischen Nehrung.) Der Platz um das Kant-Häuschen könnte neu angelegt und zu einem kleinen Park ausgestaltet werden. Dieser Ort könnte vorzugsweise der Schrift Kants Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und des Erhabenen gewidmet werden.

8. Im Winter 1765/1766 besuchte Kant seinen Freund, den General Daniel Friedrich von Lossow auf dessen Gut bei Goldap. Von dort aus schickte er die Druckfahnen seines Werks Träume eines Geistersehers an seinen Verleger Johann Jacob Kanter (vgl. Steffen Dietzsch, Immanuel Kant – Eine Biographie Leipzig 2003, S. 90/91).

Die Stadt Goldap gehört heute zu Polen. Das frühere Gut des Generals von Lossow liegt dagegen auf der russischen Seite der Grenze: Kleschauen/Kutusowo. Das Gutshaus soll angeblich von den neuen russischen Besitzern im alten Stil aufgebaut werden. Die Verbindung mit den neuen Besitzern sollte hergestellt und diese dazu bewegt werden, bei dem Wiederaufbau des Gutshauses zu berücksichtigen, dass es sich um einen Kant-Ort handelt. In dem neu aufgebauten Gutshaus könnte ein Kant-Zimmer eingerichtet werden, das insbesondere Kants Schrift Träume eines Geistersehers und den Schriften Emanuel Swedenborgs gewidmet ist.

9. Der russische Präsident W. Putin hat dazu aufgerufen, den Namen Immanuel Kants zum Symbol nicht nur der Universität und der Stadt Kaliningrad/ Königsberg, sondern des ganzen Kaliningrader Gebiets zu machen. Dieser Vorschlag würde verständlich, wenn man darlegen könnte, dass Kants Heimatland Ostpreußen, das er nie verlassen hat, auch den Inhalt von Kants Werken beeinflusst hat. Das wird von den Herausgebern der ersten Gesamtausgabe von Kants Werken K. Rosenkranz und F.W. Schubert  bejaht:

Indessen begreifen wir recht wohl, dass Kant’s Philosophie nur dann recht verstanden werden kann, wenn man sie in ihrem Zusammenhange mit der Geschichte des vorigen Jahrhunderts und in dem speciellen Zusammenhange mit der literarischen Cultur Ostpreussens und Königsbergs insbesondere erkennt.

(Immanuel Kants Sämmtliche Werke, hrsg. von Karl Rosenkranz und Friedr. Wilh. Schubert, Erster Theil, Leipzig 1838, S. XXIV)

In seiner „Geschichte der Kant’schen Philosophie“ leitet Rosenkranz die preußische Neigung zur Philosophie direkt aus der Landschaft ab:

Preussen überhaupt ist ein schon von Natur zur Cultur des Gedankens berufenes Land. In einem schon sehr winterlichen Klima eine weite Ebene, hier und da von Hügelreihen durchzogen, von einer Menge von Landseen belebt, von mächtigen Strömen durchschnitten, von Haidekraut, Laub- und Nadelhölzern überwachsen, oder ganz und gar durch Sand und Geschiebe … an den trocken gelegten Meeresgrund erinnernd, fordert es gleichsam die Reflexion heraus. Ein Preusse, Copernicus, war es, welcher die Erde für unser Bewusstseyn in ihren rechten Himmelsort eingliederte. Ein Preusse, Kant, war es, der die alte Weltanschauung revolutioniren half und im Selbstbewusstseyn des Menschen die so lange ausserhalb gesuchte Sonne des Geistes auch für die Philosophie aufgehen liess.

(Karl Rosenkranz, Geschichte der Kant’schen Philosophie, in: Immanuel Kants Sämmtliche Werke, hrsg. von Karl Rosenkranz und Friedr. Wilh. Schubert, Zwölfter Theil, Leipzig 1840, S. 98/99)

10. Deutsch-russische Zusammenarbeit

Wie Plato in der Antike, so ist Kant in der Neuzeit als Philosoph von Bedeutung für die ganze Welt. Seine Werke hat er (mit Ausnahme einiger kleiner lateinischer Schriften) auf  Deutsch verfasst. Sein Erbe wird in Deutschland besonders gepflegt. Der Wiederaufbau und die Ausgestaltung der Kant-Orte im Kaliningrader Gebiet sollten deshalb in enger Zusammenarbeit mit deutschen Kantforschern, Gesellschaften und Universitäten geschehen. Vor allem aus Deutschland  können die Dokumente, Bilder, Bücher, Reproduktionen und andere Materialien kommen, die in dem geplanten Museum in Judtschen/ Weselowka und an anderen Kant-Orten ausgestellt werden können.

An der Kant-Universität und anderen Stellen in Kaliningrad gibt es hervorragende Wissenschaftler und Mitarbeiter, die fließend Deutsch sprechen. In der Arbeitsgruppe, die sich mit dem Wiederaufbau des Kant-Hauses in Judtschen/Weselowka beschäftigt, müsste es Mitarbeiter geben, die deutsche Texte lesen und verarbeiten können. Das ist gegenwärtig nicht der Fall; Veröffentlichungen über das Projekt gibt es nur auf Russisch und Englisch.  Ohne Deutschkenntnisse erscheint es schwer möglich, einen Zugang zu der Lebenswirklichkeit in Ostpreußen zu Zeiten von Immanuel Kant zu finden.

Nicht nur ein großer Teil der Exponate in dem zukünftigen Kant-Museum, sondern auch ein Großteil der Besucher werden aus Deutschland kommen. Es ist deshalb wichtig, dass alle Erklärungen, Bildunterschriften u. dgl. außer auf Russisch dort auch auf  Deutsch vorhanden sind.

11. Jugendprojekte und internationale Zusammenarbeit

a) Der Wiederaufbau der Kant-Orte eignet sich hervorragend als Projekt für deutsch-russische und internationale Jugendlager. Praktische Arbeiten könnten mit einer Einführung in die Werke Kants verbunden werden, wobei man sich bei jedem Ort auf die Werke konzentrieren könnte, die mit dem jeweiligen Ort in Beziehung stehen. Der Wiederaufbau der Kant-Orte könnte dem Deutsch-Russischen Jugendwerk für das Programm des Russisch-Deutschen Jugendaustauschs 2015 vorgeschlagen werden. Die Antragsfrist dafür läuft bis zum 15. August 2014   (http://www.stiftung-drja.de/ru/o-fonde/).

b) Da Kant als Philosoph für die ganze Welt Bedeutung hat, sollten auch Kantforscher und Institutionen aus anderen Ländern zur Mitarbeit an dem Wiederaufbau der Kant-Orte eingeladen werden. Es wird vorgeschlagen, ein Konzept dafür  Kant-Gesellschaften und Universitäten in verschiedenen Ländern zu übermitteln.

c) Man könnte auch daran denken, den Kant-Forschern und Kant-Gesellschaften aus bestimmten Ländern die Patenschaft für einzelne Kant-Orte zu übertragen, z. B. den Schweden die Patenschaft für Kleschauen/Kutusowo mit dem Schwerpunkt auf  Kants Schrift Träume eines Geistersehers und die Schriften Emanuel Swedenborgs und den Franzosen die Patenschaft für das Forsthaus Moditten und die Schrift Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und des Erhabenen. Auf diese Weise würde man sowohl Kant-Forscher als auch Touristen aus verschiedenen Ländern in das Kaliningrader Gebiet ziehen. Die Gesellschaft „Freunde Kants und Königsbergs e.V.“ wird sich bemühen, das Projekt des Wiederaufbaus der Kant-Orte international bekanntzumachen.

12. Zusammenfassung

  • Es wird hier vorgeschlagen,

  • ein Konzept für den Wiederaufbau aller Kant-Orte im Kaliningrader Gebiet auszuarbeiten. Ein solches Konzept sollte auf Russisch, Deutsch und Englisch vorgelegt werden und dann in andere Sprachen (Französisch, Polnisch, Japanisch) übersetzt werden. Dieses Konzept könnte vorrangig die Wiederherstellung einzelner Objekte wie das Kant-Haus in Weselowka/Judtschen und der Ordensturm in Kurortnoje/Wohnsdorf vorsehen, jedoch sollten alle anderen Kant-Orte im Blickfeld bleiben, selbst wenn dort noch keine Baumaßnahmen stattfinden.

  • bestimmte Werke Kants mit den Orten in Beziehung zu setzen, wo sie entstanden sind;

  • von Anfang an die Einwohner der jeweiligen Kant-Orte an den Planungen, den Baumaßnahmen und der zukünftigen Erhaltung der Bauten zu beteiligen. Die zu errichtenden Bauten sollten auch einen Nutzen für die Einwohner des jeweiligen Kant-Ortes  haben, z. B. als Dorfgemeinschaftshaus. Nur dann ist sichergestellt, dass die Einwohner sich für diese Projekte interessieren, daran mitwirken, dass sie zustande kommen und sie auch in der Zukunft vor Zerstörung und Diebstahl schützen.

  • Jugendgruppen aus verschiedenen Ländern an den Projekten zur Wiederherstellung der Kant-Orte zu beteiligen;

  • Kant-Forscher, Kant-Gesellschaften und Universitäten aus verschiedenen Ländern zur Mitwirkung einzuladen. 

© Juli 2014 Gerfried Horst

 

© 2019 FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V.

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