Reisebericht zur Kant-Reise 2018

 

Das französische Wort couloir (Flur, Gang, Korridor) hat als Lehnwort Eingang in die russische Sprache
gefunden: als kuluary (кулуары) werden Nebenräume im Theater oder im Parlament bezeichnet, in denen sich das Publikum während der Pausen aufhält, oder in denen informelle Treffen abgehalten werden. Vornehmlich aber wird das Wort in Redewendungen gebraucht, so zum Beispiel in dem Ausdruck „главное бывает в кулуарах“, frei übersetzt: „das Wichtigste ereignet sich auf dem couloir.“ Damit ist gemeint, dass das Entscheidende häufig neben dem eigentlichen Anlass eines Treffens, einer Konferenz oder ähnlichem geschieht.


Dies lässt sich auch über die Kant-Reise sagen. Obwohl an dieser Stelle betont werden muss, dass im
Vorfeld ein spannendes und interessantes Programm ausgearbeitet worden ist, machen doch die vielen persönlichen Begegnungen und Gespräche mit den anderen Teilnehmern der Reise einen Großteil des Erfolges der Reise aus. Gerade, wenn man zum ersten Mal teilgenommen hat, war man erstaunt, was für eine Vielfalt an Menschen mit unterschiedlichen Biographien, beruflichen Hintergründen und Interessen ihren Weg zu den Freunden Kants und Königsbergs gefunden haben. Und obwohl das Programm eng gestrickt war und der Ablauf dank einer exzellenten Organisation an keiner Stelle ins Stocken geraten ist, gab es genügend Gelegenheiten zum persönlichen Austausch und zu interessanten Gesprächen. Somit konnte jeder Teilnehmer neben neuen Erkenntnissen über die Geschichte Kants und Königsbergs und bewegenden Eindrücken aus dem Kaliningrad während Vorbereitung zur anstehenden Fußballweltmeisterschaft auch frische Denkanstöße und neue Perspektiven auf Dinge, die sie oder ihn vielleicht schon länger beschäftigen, mit nach Hause nehmen.


Dabei erstaunten auch die Offenheit und Gesprächsbereitschaft, der man überall unter den Teilnehmern begegnete, aber auch die Bereitwilligkeit zur Diskussion und dazu, alternative, der eigenen Position widersprechende Standpunkte zuzulassen. Man fühlte sich stets willkommen, seine Meinung zu einem Thema zu äußern, ohne dass man eine persönliche Ablehnung des Gegenübers befürchten musste.


Die Themen, um die sich die Gespräche drehten waren ganz unterschiedlicher Art. Viele der Teilnehmer können auf ein langes und bewegtes Leben zurückblicken und wussten daher viel Persönliches zu erzählen. Ein wichtiges Thema war die Verbundenheit mit dem ehemaligen Königsberg und dem früheren Ostpreußen. Am intensivsten auseinandergesetzt mit der Geschichte seiner Herkunft hat sich sicherlich Dierk Loyal, der seit langem schon Ahnenforschung betreibt und die Geschichte seiner Familie bis zu ihrer Ansiedlung in Ostpreußen zurückverfolgt hat. So hat er auch dem Kaliningrader Museum Gegenstände aus seiner persönlichen Sammlung überreichen können.
Aber auch andere hatten Interessantes aus ihrer Vergangenheit zu berichten.
Doch ganz so weit in die Vergangenheit brauchte man gar nicht zu gehen. Unter den Teilnehmern waren ein ehemaliger Weltbankmitarbeiter, der in seinem Berufsleben um die ganze Welt gekommen ist, eine Künstlerin mit einem Atelier in Berlin, Professoren für Literatur, Philosophie und Maschinenbau, Mitarbeiter des Bundestages, der EU und der OSZE und viele weitere. Und ein jeder und eine jede hatte etwas Fesselndes zu erzählen, sodass es sicherlich nicht falsch ist zu sagen: „das
Wichtigste ereignete sich auf dem couloir.“

© April 2018 Luca J. Chee

© 2019 FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V.

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