Thomas Heberer: Ostpreußen und China. Nachzeichnung einer wundersamen Beziehung. Husum: Husum Verlag 2020. 204 Seiten, € 19,95

 

Über die ehemalige deutsche Provinz Ostpreußen ist viel geschrieben worden. Die Darstellung der Geschichte der Außenbeziehungen Ostpreußens mit dem fernen China ist jedoch ein Novum. Den inhaltlichen Zugang eröffnet Thomas Heberer über seine eigene ostpreußische Familiengeschichte und seinen beruflichen Hintergrund als Nachkomme von protestantischen Salzburger Exulanten, die 1732 in Ostpreußen angesiedelt wurden. Heberers ostpreußische Vorfahren waren in den Landkreisen Pillkallen (Schlossberg) und Stallupönen (Ebenrode) zu Hause.

 

Der renommierte Chinawissenschaftler entwirft ein vielseitiges Bild des „wundersamen“ Beziehungsgeflechts unter Betrachtung von geschichtlichen, politischen, künstlerischen oder erinnerungskulturellen Aspekten. Dazu gehören Themen vom Chinabezug Friedrichs des Großen, das deutsche „Erbe“ (oder die deutsche Schuld?) in China (Niederschlagung des „Boxer-Aufstandes“, deutsches „Schutzgebiet“ Qingdao) oder die Bedeutung von Chinoiserien in den „ostpreußischen Königsschlössern“ bis hin zur Katastrophe des Nationalsozialismus, die Anlass für die Flucht zahlreicher jüdischer Ostpreußinnen und Ostpreußen nach Shanghai war. Heberer verdeutlicht, dass Ostpreußen Ausgangspunkt der deutschen Chinawissenschaft (Sinologie) und Herkunftsregion zahlreicher Missionare und Missionarinnen in China war. Ein spezielles Kapitel ist den geistigen „Giganten“ Kant und Herder gewidmet, ihrer Beschreibung Chinas sowie ihrem Einfluss auf das moderne China.

 

Heberer interessieren vor allem auch die vielen „Erinnerungsfiguren“ des ostpreußisch-chinesischen Beziehungsgefüges. Zu den in dem Buch vorgestellten Persönlichkeiten gehören unter anderem die Literaten Heinrich von Kleist und Thomas Mann, der Astronom Nikolaus Kopernikus, die Bildhauerin und Malerin Käthe Kollwitz und ihr Verhältnis zu dem chinesischen Schriftsteller Lu Xun, die Philosophin Hannah Arendt, die Revolutionärin Anneliese von Kleist (Anna Wang), die israelische Politikerin und Schriftstellerin Leah Rabin, aber auch zeitgenössische Persönlichkeiten wie der Schauspieler, Maler und Schriftsteller Armin Mueller-Stahl, der Bildhauer Hubertus von der Goltz, der Architekt Volkwin Marg oder die Rockmusiker John Kay (Joachim Fritz Krauledat) und Edgar Froese sowie zahlreiche namhafte Naturwissenschaftler, Mediziner, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, politische Philosophinnen und Philosophen, Künstlerinnen und Künstler sowie Kaufleute. Auch zwei Ostpreußen, die als Vertreter der „Kommunistischen Internationale“ (Komintern) in den 1920er bzw. 1930er Jahren Führungsaufgaben in China übernahmen, finden detaillierte Erwähnung. Einer davon, Artur Illner (alias Richard Stahlmann) aus Königsberg war Mitorganisator des „Kanton-Aufstands“ der Kommunistischen Partei Chinas im Jahre 1927, der in einem Desaster endete, und holte – als chinesischer Händler verkleidet – unter anderem den späteren chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai aus der Stadt, um ihn zu einem Komintern-Kongress nach Moskau zu bringen.

 

All diese „Erinnerungsfiguren“ sind Teil des ostpreußisch-chinesischen Beziehungsgefüges sowie des Rezeptionsgedächtnisses in China. Weitere interessante Aspekte, die in dem Buch Erwähnung finden, sind die Debatte über die Ansiedlung einer großen Zahl chinesischer Arbeitskräfte in Ostpreußen Ende des 19. Jahrhunderts auf Vorschlag ostpreußischer Grundbesitzer oder die Internierung der Tochter des späteren Oberbefehlshabers der chinesischen Streitkräfte Marschall Zhu De, ein Weggefährte Maos, in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager in Ostpreußen während des Zweiten Weltkrieges.

 

Dieses Buch verdeutlicht, dass Ostpreußen keineswegs „hinterwäldlerisch“ war, sondern eine große Zahl weltoffener, kreativer und gelehrter Männer und Frauen hervorgebracht hat, die weltweite Bedeutung erlangten. Sowohl die in Ostpreußen lebenden ansässigen indigenen Ethnien wie auch die verschiedenen Einwanderer haben Ostpreußen befruchtet und geprägt, ihren Stempel aufgedrückt und beigetragen zur Entwicklung und Vielfalt dieser Region. Überdies existierten in der Geschichte Ostpreußens stets enge Verbindungen und ein intensiver Austausch mit den Nachbarländern Polen, Russland und dem Baltikum. Armin Mueller-Stahl formulierte es so: das Beziehungsgefüge sei „dicht auf dicht“ und „eng auf eng“ gewesen, was beigetragen habe zur Herausbildung einer multikulturellen Gesellschaft.

© 2021 FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V.

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