J. Magnus Obermann: Was ist Aufklärung in China?


Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst-verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, ist also der Wahlspruch der Aufklärung.


Im Jahr 1784 schrieb Immanuel Kant diese Zeilen als Einleitung eines Artikels unter der Fragestellung „Was ist Aufklärung?“, indem er insbesondere kirchen- und obrigkeitskritisch Stellung zu Gunsten eines intrinsisch motivierten Aufklärungsprozesses nimmt. Kants Diktum von der „Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ist seitdem zum aufklärerischen Credo schlechthin geworden.


Warum nun also eine gesonderte Aufklärung „in China“? Zweifelsfrei sind Kants Vorstellungen universell gültig und es besteht kein Grund für eine ideengeschichtlich anders definierte Aufklärung für Chinesen, zumal aus einer westlichen Urheberschaft. Dennoch gibt es Anlass, sich über den Aufklärungsbegriff in der heutigen Zeit in Verbindung mit China Gedanken zu machen, der über die geradezu physisch greifbaren Unterschiede zwischen dem Königsberg des Jahres 1784 und dem Peking des Jahres 2020 hinausgeht. Zum einen geht es Kant originär um eine Aufklärung in Abgrenzung zur preußischen Amtskirche, wobei dies ausdrücklich deren Verbindungen zur machtstaatlichen Obrigkeit miteinschließt und der Allgemeingültigkeit des aufklärerischen Prinzips nicht im Wege steht. Schließlich hat diese Aufklärung auch auf den Schultern des Kantischen Gedankengebäudes heute sowohl in Deutschland als auch in China einen Grad an gesellschaftlicher Durchdringung erreicht, der nicht an ihrem Erfolg zweifeln lässt. Zum anderen aber kann Kant die darüber hinaus-gehende politische Aufklärung aus vielerlei Gründen nicht bis ins Letzte ausbuchstabieren; doch genau sie ist es, die eine Revision des aufklärerischen Idealtyps im Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse in China, wie auch bei uns, geboten erscheinen lässt.


„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen (…) gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.“ So analysiert Immanuel Kant die geistige Haltung seiner Zeitgenossen und unterstellt damit, dass ihre Unmündigkeit tatsächlich selbstverschuldet ist, es mithin schlicht eine Frage „der Entschließung und des Mutes“ sei, eben jenen Zustand zu überwinden. In Kirchendingen mag das mag für die Europäer des 18. Jahrhunderts zutreffen, noch dazu für die Untertanen des vergleichsweise toleranten Friedrichs II. von Preußen, geht jedoch an der politischen Lebenswirklichkeit vieler Chinesen von heute vorbei. Ihre (politische) Unmündigkeit, wie die zahlreicher weiterer Menschen auf dem Planeten, ist eben nicht selbstverschuldet, sondern das wohlkalkulierte Produkt eines autoritären Herrschaftssystems, das in seiner technologischen Perfektion und wirtschaftlichen Prosperität alles in den Schatten stellt, was die klassischen Aufklärer der westlichen Welt kennen konnten.


Gerne wird an dieser Stelle „China“ verteufelt, was oft nur Ausdruck der eigenen, durchaus auch selbstverschuldeten Unkenntnis ist. Es ist nämlich nicht ein Milliardenvolk, das beschlossen hat von einer leninistischen Partei regiert zu werden und dem Maoismus mit immer nostalgischeren Parolen zu begegnen. Es sind noch nicht einmal jene dutzenden Millionen Mitglieder der Kommunistischen Partei, die aus Inbrunst alle bürgerlichen Freiheiten bekämpfen, eine wahre Demokratie ablehnen und Minderheiten kasernieren. Dies ließe sich fortführen und die Abarbeitung eines philanthropischen Prinzipienkatalogs ließe noch viele weitere Missstände zu Tage treten, die einen in politischen Dingen unaufgeklärten Gesamtzustand offenlegen, jedoch nichts zu dessen Struktur beitragen. Auf ironische Weise trifft Kant den Kern des Problems fast selbst: Es ist nicht nötig zu denken, wenn ich zahlen kann. Denn das können die meisten Chinesen heute immer besser, was einen alten Gesellschaftsvertrag mit der Staatsführung bestätigt: Ihr haltet euch aus der Politik raus, dafür sorgen wir dafür, dass es euch wirtschaftlich immer besser geht. In diesem Kontext wäre zu untersuchen, ob China dank seiner Führung immer wohlhabender wird, oder ob es nicht im Gegenteil die politische Struktur war, die das Land Jahrzehnte in Hunger und Armut hielt. Alles andere als müßig ist auch die Frage, welche Rolle Wirtschaftsaufschwung auch in der Festigung von Demokratien spielt, und ob die Faktoren Demokratie und Prosperität miteinander kausalverknüpft sind. Beides müsste man sich näher anschauen. Doch noch wichtiger ist davon losgelöst festzustellen, dass ein erfülltes Leben in China möglich ist und dem aufklärerischen Geist eine ernst zu nehmende Systemalternative erwachsen ist.


Nun ist es nicht so, dass die Menschen in China, oder anderen autoritär regierten Staaten der Erde, sich nicht „ihres Verstandes bedienen“. China ist ein Hochtechnologie-Land, in zukunftsweisenden Bereichen wie Künstlicher Intelligenz und erneuerbare Energien besetzt es einen Platz weit oben, wenn nicht ganz oben an der Weltspitze. Fast ist man sogar versucht, den Kantischen Lobpreis auf den ebenfalls autoritären Friedrich auf Chinas starke Männer zu persiflieren: Räsoniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber kritisiert uns nicht und gehorcht! Von moderaten Professoren an der Universität Peking hörte ich oft, alles sei sag-, denk- und lehrbar, solange nur China und die Kommunistische Partei nicht grundsätzlich kritisiert werde. Aber derart versucht ist man eben auch nur fast, denn die Art und Weise des Räsonierbaren ist selbst in akademischen Diskursen begrenzt und der oben zitierte Gebrauch des Verstandes erfolgt eben nicht „ohne Leitung eines anderen“. Doch genau das wäre die notwendige Bedingung für Aufklärung, religiöse wie politische, damals wie heute. 


Wie lässt sich jedoch ein selbstgeleiteter Aufklärungsprozess bewerkstelligen, wenn die Grundlagen von Lehren, Lernen und Leben so umfassend diktiert werden? Wenn dieser Weg wegen der „Oberaufsicht von Vormündern“ gar gefährlich ist, und aufgrund der allgemeinen Bequemlichkeit, aber auch handfesten ökonomischen Gründen so recht kein Grund zu bestehen scheint, ihn einzuschlagen? Wenn jeder wohlmeinende Impuls von außen unweigerlich selbst zur „Leitung eines anderen“ zu werden droht? Es kann als ausgemacht gelten, dass jede Form selbstgefälligen Geisteskolonialismus auf Skepsis stoßen muss. Auch hat das „westliche Modell“, wo man nur hinschaut, bereits leichtere Zeiten erlebt, als (frei nach Habermas) zwangloser Zwang des besseren Argumentes zu überzeugen. Auf eben diese politischen Herausforderungen muss die Philosophie der Aufklärung eine Erwiderung finden.


Kant sagt dazu, dass es für den einzelnen äußerst schwer sei, sich aus seiner ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit zu befreien. Dass sich hingegen „ein Publikum“ selbst aufklärt, ist für ihn wahrscheinlicher, fast sogar sicher. Bedarf es also doch nur eines besseren Vorbildes, das durch das „Publikum“ rezipiert und nachgeahmt werden kann? Nein, denn das wäre die Rückkehr des „Endes der Geschichte“, das sich seit 30 Jahren als relativ endlos herausgestellt hat. Und Kant selbst ergänzt: Ein Publikum kann sich nur dann selbst aufklären, wenn es in der Freiheit lebt, dies zu tun – „zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen“. Skizziert wird hier die klassische Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit nach Art. 4 Grundgesetz, in Verbindung mit Art. 5, der Meinungs- und Pressefreiheit, und noch dazu Art. 8, der Versammlungsfreiheit. Für ein autoritäres System insgesamt eine alles andere als unschädliche Forderung.


Bemerkenswert ist, dass Kant den Gebrauch der Vernunft in eine öffentliche und eine private Sphäre unterteilt. „Privat“ ließe sich passend durch „beruflich“ paraphrasieren, denn hier ist nicht der Dissident in seinen eigene vier Wänden gemeint, sondern ein Beamter oder Bürokrat, der die ihm erteilten Weisungen, zumindest grundsätzlich, umzusetzen hat. Dessen Vernunftgebrauch in Amtsgeschäften kann, so Kant, durchaus eingeschränkt werden, ohne gleich die gesamte gesellschaftliche Aufklärung zu verhindern. Demgegenüber muss „der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zu Stande bringen“. Damit werden Öffentlichkeit und der Diskurs in der Zivilgesellschaft zum Schlüssel der Aufklärung. Wie kennzeichnend, dass genau diese die Feindbilder autoritärer Systeme sind, in denen äußere Opposition kaum möglich ist, jeder anders (oder unabhängig) Denkende schnell zum Verräter wird, und der gesellschaftliche Raum am liebsten vollständig von den Organen der Macht durchdringen wer-den soll. Wenn dieser Prozess zu weit fortgeschritten ist, spricht man von Totalitarismus. Nun ist es nicht so, dass sich die heutige Kommunistische Partei Chinas die Aushöhlung der Diversität der reichen chinesischen Kultur auf die Fahnen geschrieben hätte. Von der Kulturrevolution abgesehen, sollte man das selbst für die Vergangenheit nicht unterstellen. Aber dennoch lässt sie keine zweite Kraft neben sich existieren und propagiert die Zusammensetzung ihrer Mitglieder als „gesellschaftliche Avantgarde“, die von vornhinein die Entfaltung anderer gesellschaftlicher Gruppen eingrenzt.


Diese Feststellung provoziert den Einwand, dass wenn von autoritärer (oder spezifischer: der Diktatur kommunistischer Parteien) die Rede ist, das Problem ja kein neues und kein China-spezifisches sei. Das ist einerseits richtig, verkennt andererseits aber die Neuartigkeit der Situation, in der sich Aufklärung und Autokratie gegenüberstehen. Oben ist bereits auf einige Aspekte der Besonderheit Chinas mit Blick in die Zukunft hingewiesen worden. Mit Blick in die Vergangenheit lässt sich dazu ergänzen, dass die kommunistisch-autoritäre Sowjetunion nie eine glaubwürdige Alternative zum (vergleichsweise) freien, kapitalistischen Westen darstellen konnte. Das gilt gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich. China jedoch besteht in allen diesen Bereichen aus mehr als Leninismus, nämlich einer Symbiose aus gegenwärtigen Macht- & Ideologiestrukturen und tausenden von Jahren alten Traditionen. Vieles an China ist wenig kommunistisch, wenig unterdrückerisch und wenig einengend – solange man zum Innern der Gemeinschaft (大家) dazugehört und die Souveränität eines Systems, das genau diese drei Attribute als Machtsicherung nach außen voraussetzt, nicht in Frage stellt. Insofern sollte weder Aufklärung mit Kapitalismus gleichgesetzt noch eine falsche Analogie zwischen Sowjetkommunismus und Volksrepublik China gezogen werden, die bestenfalls in trügerischer Sicherheit wiegt.


Wenngleich also ein unmündiges, aber erfülltes Leben (denn was unter „Erfüllung“ zu verstehen ist, hängt wesentlich von Sozialisation und Erziehung ab) für immer mehr Chinesen zum Alltag wird und die Vorzüge der uneingeschränkten geistigen Freiheit in den Schatten zu stellen beginnt, gibt es in China trotzdem, wie in der Sowjetunion und anderen autoritären Regimen weltweit, zahllose Menschen, die diesem freiheitlichen Ideal aus Überzeugung anhängen. Diesen Menschen muss die Sympathie der Aufklärung in besonderem Maße gelten, denn sie beweisen tatsächlich Mut, wenn sie sich ihres eigenen Verstandes bedienen. An dieser Stelle muss man Kant deshalb widersprechen: Wenn Öffentlichkeit als das konstituierende Element wegfällt, kann auch schon der Gebrauch der Vernunft im Privaten aufklärerische Züge tragen. Aufklärung bedeutet dann nicht den Ausgang aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit, denn das ist sie im Politischen ja nicht, son-dern die Unmündigkeit im eigenen Handeln, und sei es privates, zu überwinden, um im Kontakt mit anderen auf ihr weiteres Bestehen hinzuweisen.


Mit diesem Hilfsgriff lassen sich aus Kants Überlegungen zur Aufklärung einige politische Ableitungen anstellen. Die Aufklärung der breiten Gesellschaft kann zunächst nur da gelingen, wo die für sie notwendigen Grundvoraussetzungen, d.h. in erster Linie öffentlicher Meinungsaustausch, bereits vorliegen. Politische Freiheit ist eine Vorbedingung des freien Vernunftgebrauchs jedes einzelnen, das sagt so wörtlich auch der Rationalist und Aufklärer Karl Popper. Natürlich lebte Kant selbst in einem autoritär regierten Staat, aber er konnte seine religiös aufklärerischen Schriften eben verbreiten (wenngleich er den König geflissentlich umschmeichelte) ohne sich dabei Angst um Leib und Leben machen zu müssen. Das gilt für die Vorreiter der politischen Aufklärung in China nicht, sie werden als Regimekritiker gnadenlos verfolgt und oft auch gesellschaftlich geächtet. Die zahlreichen weiteren indes, die Aufklärung im Privaten praktizieren, dürfen darüber nicht vergessen wer-den. Sie sollten nicht als unaufgeklärt gelten, nur weil von ihnen unmögliches verlangt wird. Statt-dessen gilt, dass sich das staatliche Handeln aller Länder, die als politisch aufgeklärt gelten möchten, an zwei weiteren, abgewandelten Maximen Kants orientieren muss: 1) Republik bedeutet Demokratie (was viele konstitutionelle Königreiche eher einschließt als demokratische Volksrepubliken); und 2) Eine Weltbürgergesellschaft kann nur gelingen, wenn sie auf gleichen Rechten für alle, also universellen Menschenrechten, fußt.


Zwei elementare Schlussfolgerung ergeben sich aus diesen Beobachtungen außerdem für den Blick in den Rückspiegel: Was bedeutet politische Aufklärung für uns? Zum einen eine klare Reflexion der eigenen Position, nam „Caesar non est supra grammaticos“. Oder, um ein weiteres Kant-Zitat aus dem Aufklärungsaufsatz zur Grundlage zu nehmen: „Was aber nicht einmal ein Volk über sich selbst beschließen darf, das darf noch weniger ein Monarch über das Volk beschließen“, soll heißen, wenn schon die heimische Intelligenz sich mit der Gestaltung der Aufklärung schwer tut, darf der ausländische Quacksalber es mit seiner Rezeptur erst recht nicht besser wissen. Wo im Privaten kleine Schritte gegangen werden, sollte man keine öffentlichen Quantensprünge fordern. Viel mehr als bisher muss der ausländische Beobachter aber diese kleinen Schritte thematisieren, sie wo irgend möglich einfordern, und sich vor allem nicht von Ablenkungsmanövern blenden lassen und so zum willfährigen Helfer anti-aufklärerischer Rückschritte werden. Das ist das eine.


Das andere ist eine Botschaft an die allzu überschwänglichen Freunde des „chinesischen Modells“, das diese auch hierzulande hat. Kants ätzenden Ausspruch „es ist so bequem, unmündig zu sein“ möchte man ihnen wohlverdient entgegenwerfen, denn anders als ihre chinesischen Gesinnungsgenossen und Millionen „Unpolitische“ in autoritären Systemen haben sie nichts als Entschuldigung vorzubringen, was sie in ihrer selbstversschuldeten Unmündigkeit hält. Wer zuhause die Früchte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten genießt, dann aber in die Welt zieht und sich von Autoritären betören lässt, um sich anschließend getreu dem Motto „wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘“ eilfertig in ihren Dienst zu stellen – der diskreditiert sich nicht nur selbst, sondern ist eine größere Gefahr als alle Despoten und despotisch veranlagten Menschen in der Ferne.


Leider, so verständlich und legitim diese Reaktion auch scheint, so „unaufklärerisch“ ist sie auch. Um abermals Karl Popper zu bemühen, will der echte Aufklärer nicht überreden; „ja, er will eigentlich nicht einmal überzeugen: Er bleibt sich stets dessen bewusst, dass er sich irren kann. Vor allem aber achtet er die Selbstständigkeit, die geistige Unabhängigkeit des anderen zu hoch, um ihn in wichtigen Dingen überzeugen zu wollen. Viel mehr will er Widerspruch herausfordern, und am besten vernünftige und disziplinierte Kritik. Nicht überzeugen will er, sondern aufrütteln, zur freien Meinungsbildung herausfordern. Die freie Meinungsbildung ist ihm wertvoll; nicht nur darum wert-voll, weil wir alle mit der freien Meinungsbildung der Wahrheit näherkommen können, sondern darum, weil er die freie Meinungsbildung als solche respektiert. Er respektiert sie auch dann, wenn er die entwickelte Meinung als solche für grundfalsch ansieht“ (Karl Popper: „Zum Thema Freiheit“, 1958/67). In diesem Sinne versteht Popper die Aufklärung auch als „Pflicht jedes Intellektuellen“ – in diesem Kontext könnte man auch von „Experten“ sprechen – „anderen dazu zu helfen, sich geistig zu befreien und die kritische Einstellung zu verstehen“.


Im Fazit seines Aufsatzes resümiert Kant: „Wenn denn nun gefragt wird: ‚Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?‘, so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung“. Auch bei uns kann man die Hoffnung haben, dass dies auch für China und die neuen Paten der Unmündigkeit der Fall ist. Der Umgang mit ihnen macht es dringend nötig, die Aufklärung als Geisteshaltung wieder ernst zu nehmen und zurück in eine Vorbildrolle zu finden. In erster Linie bedeutet das einen stärkeren öffentlichen Meinungsaustausch über die Fundamente und den Wert unserer Gesellschaftsordnung. Es gilt zu vergegenwärtigen, was auf dem Spiel steht und was uns selbstverständlich geworden ist, denn nur was die Gesellschaft als lieb und teuer akzeptiert, wird sie willens und fähig sein zu schützen. Darüber hinaus braucht es eine neue Ethik der Achtsamkeit, Geduld und Unbeirrbarkeit. Achtsamkeit für Risse im Fundament der Freiheit, Geduld in der kritischen Diskussion mit abweichenden Meinungen und Unbeirrbarkeit, immer wieder Argumente für die eigene Position zu finden. Wenn China am Ende dabei sogar helfen könnte, wäre viel gewonnen.

 

© J. Magnus Obermann

© 2020 FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V.

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