Am Donnerstag wurde im Dorf Wessjolowka unweit von

Tschernjachowsk das berühmte „Kanthaus“ eröffnet

von Alla Sumarokowa, Übersetzung aus dem Russischen von Svetlana Kolbanjowa/ Luca J. Chee

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Die Geschichte seines Wiederaufbaus begann 2015, als auf der Wand der halbvergessenen Ruine der philosophische Ausspruch „Kant ist ein Loser“ entdeckt wurde. Diese Aufschrift machte das Häuschen weltberühmt und führte dazu, dass Geldmittel aus dem Reservefonds des Präsidenten für die Rekonstruktion bereitgestellt wurden. Vom schicksalshaften Graffiti bis zur Eröffnung des neuen Museums sind drei Jahre vergangen. Aus einer windschiefen Bruchbude entstand ein respektables Pfarrhaus. Zur Sommermitte meldete das Presseamt der Gebietsregierung, dass die Restaurierung schon längst abgeschlossen sei. Doch mit der Eröffnung wollte man sich nicht beeilen. Am Tag des feierlichen Ereignisses wurde auch klar warum: trotz des repräsentativen Exterieurs ist das Kanthaus lediglich ein Testlauf für ein Museum und für Touristen gibt es dort nichts, wofür es sich herzueilen lohnt.


Auf der anderen Straßenseite vor dem alten Pfarrhaus, ordentlich am Zaun des Dorffriedhofs aufgestellt, tritt ganz Wessjolowka von einem Fuß auf den anderen. Keiner traut sich näherzutreten, womöglich wird man weggejagt? Alles wartet auf den Gouverneur Anton Alichanow, vor dem Museum ist ein rotes Band aufgespannt, auf trügerisch samtenen Kissen liegt eine trügerisch goldene Schere, man ist sichtbar bemüht, eine feierliche Atmosphäre schaffen.


„Bin gespannt, wie er so ist? Genauso jung wie er im Fernsehen ausschaut?“ Die Gedanken der Wessjolowker sind weit entfernt von Immanuel Kant. Von Anfang an zeigten die örtlichen Einwohner wenig Interesse für das Häuschen – wen sollte sie denn auch groß interessieren, diese alte Hütte am Friedhof? Auch den Wiederaufbau verfolgten sie nicht: „Wir kommen hier nicht her, es ist zu weit entfernt vom Dorfzentrum. Nur wer zum Friedhof läuft, der geht hier mal vorbei. Als die Oma, die frühere Eigentümerin des Hauses, noch lebte, da passte man noch ein bisschen auf. Sonst aber sind wir nicht mehr hergekommen“, gesteht man.


Bisher hat Wessjolowka von der Tatsache, dass das Philosophenhäuschen hier steht, bloß drei Vorteile: ein Café, vier neue Arbeitsplätze und das Versprechen, endlich mal die Schotterstraße in Ordnung zu bringen, die zur Siedlung führt. „Dieses Haus bringt uns eh keinen Gewinn. Deutsche Touristen sind auch früher schon gekommen, ganze Busladungen voll. Aber wie es hier ausgesehen hatte, das war eine Schande“, seufzen die Dorfbewohner.


Ein Gefühl des Schams ruft das Kanthaus nicht mehr hervor, die Restauratoren haben ihre Aufgabe bestens gemeistert. Drei alte deutsche Kachelöfen sind, wie versprochen, das Prunkstück der Ausstellung im Erdgeschoss. Sie wurden aus fünf alten Öfen zusammengebaut, die von Leuten aus Chernjachowsk, Sowjetsk und Gussew gekauft wurden. Vor dem Krieg heizten fünf dieser Öfen das Haus, doch zu Sowjetzeiten gingen sie alle verloren. Die Restauratoren haben sich derart ins Zeug gelegt, dass alle Museumsöfen tatsächlich funktionieren. „Ich habe extra Papier angezündet, es zieht vorzüglich“, sagt der Leiter des regionalen Dienstes für Denkmalschutz Ewgeni Maslow.


Die Arbeiten wurden von der „Speziellen Wissenschaftlichen Restaurationsprojektierungs- und Produktionswerkstatt“ aus Moskau durchgeführt. Der Auftragnehmer hatte den Vertragspreis auf 31,3 Mio. Rubel gesenkt. Anfangs hatte die Summe der Ausschreibung 46,3 Mio. Rubel betragen.  Eines der teuersten Objekte ist das Umspannwerk, dessen Kapazitäten für den gesamten künftigen Komplex ausreichen sollen. Es hat 5 Mio. Rubel gekostet.


Die hohe Qualität der Restaurierung ist das wichtigste, aber leider auch das einzige, was am Kanthaus Freude bereitet. Lediglich das Erdgeschoss der Ausstellung ist halbwegs gefüllt. Das „wenigstens etwas“ sind vor allem Bücher und Bilder. Obwohl man das schlecht dem Kunsthistorischen Museum in die Schuhe schieben kann, Kant hat seinen dankbaren Nachfahren ein ausschließlich geistiges Erbe hinterlassen

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Sergei Jakimow, Museumsdirektor: Es gibt in der Welt keine Kant-Museen und es sind auch keine Orte erhalten, wo er tatsächlich gewesen sein könnte. In Deutschland gibt es bloß eine Schnalle und eine Haarsträhne. Das ist aber auch alles, was von ihm übriggeblieben ist. Und Bücher. Und wenn wir jetzt das Haus eröffnen, in dem er tatsächlich gewesen ist, kann man das schon einen Beitrag zur europäischen Kultur nennen“


In einer der Vitrinen liegen Gegenstände, die bei der Restaurierung gefunden wurden. „Während des ersten Weltkrieges sind hier kurz russische Soldaten vorbeigekommen. Und das hier ist bereits das Kochgeschirr von einem Rotarmisten, der damit wohl im Finnlandfeldzug gewesen ist,“ setzt Sergei Jakimow die Blitzführung fort.


Auch interaktive Freuden werden im Museum geboten: das Quiz „Kennen Sie Kants Biografie?“ Auch Anton Alichanow wird dazu aufgefordert. Der Gouverneur geht aber nicht das Risiko ein, alleine mit der Lebensbeschreibung des Philosophen zu kämpfen. Schließlich unternehmen die Beamten und Gäste eine gemeinsame Anstrengung, und da es im Team einige Kantforscher gibt, wird das Quiz gelöst. 


Ins Dachgeschoss zu gehen, lohnt sich nur aus Neugier. Erstens wurde das Haus mehrmals umgebaut, so dass der Geist Kants dort nicht zu spüren ist. Zweitens besteht das einzige Vergnügen, das sich den Besuchern bietet, die die prächtige, authentische Treppe erklommen haben, aus ein paar Reihen Stühlen und einem Fernseher. Auf dem Bildschirm läuft der französische Schwarzweißfilm „Die letzten Tage Immanuel Kants“. Insgesamt wiederholen sich hier acht Stunden Film über den Philosophen. Denjenigen, die nicht bereit für diesen intellektuellen Kinomarathon sind, bleibt nur übrig, die Fachwerkelemente zu bewundern, die in den zwei Dachgeschoßzimmern sorgfältig wiederhergestellt worden sind.


Der einzige Zeuge aus den Zeiten Kants ist der Keller des Hauses. Er alleine wurde von all den Umbauten des Pastorenhauses verschont. Der Keller ist derzeit noch vollkommen leer, die nackten Wände aus wunderbar wiederhergestelltem Ziegelmauerwerk schmücken bloß alles andere als authentische Heizkörper. Deshalb fegt die Führung im Galopp durch den unterirdischen Teil des Museums.


Schon heute kann jeder, der es wagt, durch die halbe Oblast zu fahren und 80 Rubel für den Eintritt zu bezahlen, das neue Museum schätzen lernen. Obwohl es schlau zu sein scheint, noch ein halbes Jährchen zu warten. Die Museumsleute versprechen, im April 2019 „werde hier alles ganz anders sein.“ Und man gibt zu, dass bis jetzt alle Anstrengungen auf der Kontrolle der Restaurierung lagen.


„Wir haben gerade erst begonnen, eine Zeitausstellung einzurichten. Ein jedes Museum beginnt mit einer Ausstellung, sie will gut durchdacht sein. Die Hauptidee, die wir hier umsetzen wollen, ist es, Kant als Pädagogen zu zeigen. Seine Idee, dass Kinder nicht für die Gegenwart, sondern für die Zukunft erzogen werden, seine Philosophie der Pädagogik, nicht nur in Bezug auf Heranwachsende und Kinder, sondern auch auf die Bevölkerung, ganze Länder und die Wechselbeziehungen zwischen Ländern. Machen Sie sich keine Sorgen, all das wird eingerichtet werden. Kommen Sie zum Jubiläum nächstes Jahr, wenn wir im April den nächsten Geburtstag Kants feiern. Es wird hier alles schon ganz anders aussehen“, sagt Jakimow.


Doch ein vollwertiger Anziehungspunkt wird das Kanthaus, wenn es denn eins wird, erst sehr viel später. Noch hat sich keiner von der Idee losgesagt, die beiden angrenzenden Wirtschaftsanbauten wiederherzustellen und dort Konferenzsäle, Lehrräume der Baltisch Föderalen Immanuel-Kant-Universität und eine Studentenmensa unterzubringen. Auch ein Zeltlager zeichnet sich irgendwo in der Ferne ab. Genauer, in den Plänen für das Jahr 2024, wenn die Welt den dreihundertsten Geburtstag des Philosophen begehen wird.


Es ist geplant, europäische Gelder für die übrigen Abschnitte des „Philosophendorfes“ zu erhalten. „Wir haben Anträge für die Finanzierung im Rahmen der grenznahen Zusammenarbeit gestellt. Im Dezember soll die Ausschreibung entschieden werden. Ich denke, wir werden den Zuspruch erhalten, denn es nehmen zwei Universitäten teil, die Universität Gdansk und unsere, sowie zwei Kultureinrichtungen. Das heißt, die Chancen für diese Geschichte sind hoch.“, merkt Jakimow an.


Als die Beamten, die mit der Verwandlung zufrieden sind, sich in ihre Autos setzen, nimmt das neugierige Wessjolowka das Kanthaus im Sturm. Das Museum besuchen sie heute zum ersten und, das ist am wahrscheinlichsten, zum letzten Mal.

Text von Alla Sumarokowa, Fotos von Witali Newar, „Neues Kaliningrad“

© 2019 FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V.

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