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Michael Wieck wird 90

 

Heute, am 19. Juli 2018 wurde Michael Wieck 90 Jahre alt.

Michael Wieck ist Königsberger, Violinist, Schriftsteller, Zeitzeuge.
In Wikipedia kann man Folgendes über ihn lesen: Michael Wieck 


Weit mehr als dieser Wikipedia-Eintrag sagen seine Bücher über ihn aus,

allen voran seine Autobiografie
Zeugnis vom Untergang Königsbergs: Ein Geltungsjude berichtet


Darin beschreibt er eindrucksvoll und bewegend, wie er als Sohn einer jüdischen Mutter im Nazi-Reich und nach der Eroberung Königsbergs durch die Rote Armee als ein hungernder, gefangener, kranker junger Deutscher unter der Sowjetherrschaft gelitten hat.

Unter dem Titel
A Childhood under Hitler and Stalin: Memoirs of a “certified“ Jew

 

ist seine Autobiografie auch auf Englisch erschienen. Die russische Übersetzung ist vor drei Jahren bereits zum zweiten Mal aufgelegt worden. Nach einer Lesung in Kaliningrad musste Michael Wieck für die zahlreichen Besucher anderthalb Stunden lang Bücher signieren.
Für viele Kaliningrader ist er die lebendige Verbindung zwischen dem alten Königsberg und der heutigen Stadt. Die Kaliningrader Presse berichtete ausführlich über das Ereignis: Medienecho (gesammelte Beiträge)


Im Jahre 2008, sechzig Jahre, nachdem er der Hölle in seiner Heimatstadt entkommen war und im damaligen Westberlin ein neues Leben begonnen hatte, veröffentlichte Michael Wieck ein Buch, das
wohl das Resümee seiner Lebensphilosophie darstellt:

Ewiger Krieg oder ewiger Friede? 14 Betrachtungen eines Betroffenen

Im Jahr 1992 hat Michael Wieck seine Heimatstadt, das heutige Kaliningrad, zum ersten Mal nach der Öffnung des Gebiets besucht. Seitdem ist er oft zurückgekehrt, hat mit seiner Frau Miriam dort musiziert und Kaliningrader Musikschülern Geigen geschenkt. Im Jahr 2008 nahm er an der ersten „Kant-Reise“ teil und hat einen Vortrag gehalten - ein leidenschaftlicher Friedensappell, der auf der Website der „Freunde Kants und Königsbergs e.V.“ unter „Reisen“ nachzulesen ist.

2014, auf der siebten Kant-Reise, sprach er über das Thema: Lebt das geistige Erbe von Immanuel Kant?

Seit Jahren tritt Michael Wieck in öffentlichen Veranstaltungen als Zeitzeuge auf und schildert, was er unter Hitler und Stalin erlebt und erlitten hat und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht. Seine Mutter hat ihn in Königsberg im Geiste Kants erzogen, aber es waren nicht Bücher, die seine Lebensphilosophie geprägt haben; vielmehr hat er die Grundsätze, die ihn leiten und die - wie er später festgestellt hat - in mancher Hinsicht mit den Lehren der von ihm besonders geschätzten Philosophen Baruch Spinoza und Immanuel Kant übereinstimmen, aus seinem eigenen Leben gewonnen. Im Vorwort zu seinem Buch Ewiger Krieg oder ewiger Friede? schreibt Michael Wieck:


Bei meinen Überlegungen komme ich zu Schlussfolgerungen, die
sich überraschenderweise sehr einfach anhören können. Zum
Beispiel: Will man mehr Frieden erreichen, muss man ganz
bewusst alles Aggressive unbedingt zuerst in sich selbst
bekämpfen. Immer ist es das Hasserfülltere, aus dem dann das
Destruktivere erwächst. Hier bleibt keinem Gutwilligen eine
andere Wahl, als zeitlebens den Gegentrend dazu — das

Liebevollere — sehr bewusst und mit ständigem Bemühen zu
fördern. »Hass wird durch Gegenhass verstärkt, durch Liebe
dagegen kann er getilgt werden«, schrieb Baruch de Spinoza in
seinem Hauptwerk »Die Ethik«.


Das Manuskript seines Buchs Zeugnis vom Untergang Königsbergs: Ein Geltungsjude berichtet hatte Michael Wieck vor der Veröffentlichung an zwei jüdische Freunde geschickt. Nachdem sie ihm ihre Anmerkungen mitgeteilt hatten, antwortete er darauf in einem Brief, der im Anhang des Buchs abgedruckt ist. Darin schrieb er:


Warum können so viele nicht begreifen, dass Kriegs- und Rachehandlungen

immer nur Eskalation oder Chaos bringen, dass sie keine Probleme lösen oder

Versöhnung herbeiführen. (Sich niemals zu verteidigen, meine ich damit nicht.)

Aber das, was ich von anderen verlange, muss ich zuerst selber zu tun bereit sein.

Ich denke an das Abgeben, Teilen, an das Aufeinanderzugehen, das Vergeben,

wenn ehrliche Einsicht und Bedauern vorhanden sind. Ich bin nämlich zutiefst

davon überzeugt, kein besserer Mensch zu sein als andere — und will ich Gutes

bewirken, muss ich schwer an mir arbeiten. –


Dies sind Gedanken, die Michael Wieck aus seiner Lebenserfahrung und nicht aus Büchern geschöpft hat (auch wenn er ein „Vielleser“ ist und die Bücher, die er liest, regelrecht durcharbeitet und mit Kommentaren versieht). An sich arbeiten, um Gutes zu bewirken - das ist ein Leitmotiv im Leben von Michael Wieck. Immanuel Kant, sein Königsberger Landsmann, hat im Zusammenhang mit Schicksalsschlägen die Bedeutung der „Selbstbesserung“ hervorgehoben:


Der denkende Mensch fühlt einen Kummer, der wohl gar
Sittenverderbnis werden kann, von welchem der
Gedankenlose nichts weiß: nämlich Unzufriedenheit mit der
Vorsehung, die den Weltlauf im Ganzen regiert, wenn er die
Übel überschlägt, die das menschliche Geschlecht so sehr
und (wie es scheint) ohne Hoffnung eines Bessern drücken.

Es ist aber von der größten Wichtigkeit: mit der Vorsehung
zufrieden zu sein (ob sie uns gleich auf unserer Erdenwelt
eine so mühsame Bahn vorgezeichnet hat): teils um unter
den Mühseligkeiten immer noch Mut zu fassen, teils um,
indem wir die Schuld davon aufs Schicksal schieben, nicht
unsere eigene, die vielleicht die einzige Ursache aller dieser
Übel sein mag, darüber aus dem Auge zu setzen und in der
Selbstbesserung die Hülfe dagegen zu versäumen.


Immanuel Kant: Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte

In seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht hat Immanuel Kant beschrieben, auf welchem Weg man sich der Weisheit nähern kann:


Weisheit, als die Idee vom gesetzmäßig-vollkommenen
praktischen Gebrauch der Vernunft, ist wohl zu viel von Menschen
gefordert; aber auch selbst dem mindesten Grade nach kann sie
ein anderer ihm nicht eingießen, sondern er muss sie aus sich
selbst herausbringen. Die Vorschrift, dazu zu gelangen, enthält
drei dahin führende Maximen: 1) Selbstdenken, 2) sich (in der
Mitteilung mit Menschen) an die Stelle des Anderen zu denken, 3)
jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken.


Michael Wieck ist zu seinen Erkenntnissen gelangt, indem er die drei von Kant genannten Maximen des Denkens angewandt hat. Seine Bücher verdienen es, in die Schullektüre aufgenommen zu werden. Das Buch Zeugnis vom Untergang Königsbergs sollte im Geschichtsunterricht und das Buch Ewiger Krieg oder ewiger Friede? im Ethikunterricht gelesen werden.


Wir wünschen Michael Wieck, dass er weiterhin täglich seine Geige spielen kann und ihm sein Frohsinn erhalten bleibt. Michael Wieck ist ein positiv eingestellter Mensch, er kann herzerfrischend lachen; seine leidvolle Jugend in Königsberg hat ihn nicht verbittert. Musik und Lachen sind gute Voraussetzungen für ein langes, glückliches Leben. Das wusste auch Immanuel Kant, der die gesundheitsfördernde Wirkung von Musik und Lachen folgendermaßen beschrieben hat:


Hingegen Musik und Stoff zum Lachen sind zweierlei Arten des
Spiels mit ästhetischen Ideen, oder
auch Verstandesvorstellungen, … die bloß durch ihren Wechsel
und dennoch lebhaft vergnügen können; wodurch sie ziemlich klar
zu erkennen geben, dass die Belebung in beiden bloß körperlich
sei, ob sie gleich von Ideen des Gemüts erregt wird, und dass das
Gefühl der Gesundheit durch eine jedem Spiele korrespondierende
Bewegung der Eingeweide das ganze, für so fein und geistvoll
gepriesene Vergnügen einer aufgeweckten Gesellschaft ausmacht.
Nicht die Beurteilung der Harmonie in Tönen oder
Witzeinfällen, … sondern das beförderte Lebensgeschäft im
Körper, der Affekt, der die Eingeweide und das Zwerchfell bewegt,
mit einem Worte das Gefühl der Gesundheit (welche sich ohne
solche Veranlassung sonst nicht fühlen lässt), machen das
Vergnügen aus, welches man daran findet, dass man dem Körper
auch durch die Seele beikommen und diese zum Arzt von jenem
brauchen kann.


Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft,§ 54, Anmerkung


Im Namen der Gesellschaft „Freunde Kants und Königsbergs e.V.“ gratulieren wir unserem Mitglied Michael Wieck herzlich zum Geburtstag!

Gerfried Horst                                                   Marianne Motherby

Vorsitzender                                                     Stellvertretende Vorsitzende

Juli 2018 © FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V.

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