Die Ruinen Groß Wohnsdorfs – ein halbvergessener Kant-Ort

Kirill Sinkowskij, Übersetzung aus dem Russischen von Luca J. Chee 

 

Von der Burg, in der sich der große Philosoph häufig aufgehalten hat, ist heute
bloß ein
halbzerfallener Turm übriggeblieben.


Bald, am 22. April, feiert die Welt den Geburtstag unseres bekanntesten
Landsmannes - Immanuel Kants. Der Geburtstag ist kein runder, doch ein
solider; es ist der 294.


Im Vorfeld wurde sowohl in den Medien als auch in den sozialen Netzwerken viel über die Wiederherstellung des sogenannten Kant-Hauses im Dorf Wessjolowka (ehem. Judtschen) im Kreis Tschernjachowsk geredet. Darüber, was letzten Endes daraus geworden ist, werden wir in nächster Zeit unbedingt berichten. Aber nun möchten wir darauf aufmerksam machen, dass es im Kaliningrader Gebiet einen Ort gibt, der nicht weniger, sondern wahrscheinlich sogar mehr Bezug zu Kant hat. Gemeint sind die Ruinen der Burg Groß Wohnsdorf, die sich in dem heutigen Ort Kurortnoje im Kreis Prawdinsk befinden.


Erstens wurde das Haus des Pastors Andersch, in dem Kant einige Zeit gelebt hat, im 19. Jahrhundert umgebaut, wohingegen jedoch der Torturm, wenn auch die Burg selbst zerstört worden ist, in Gänze erhalten ist. Und er erinnert offensichtlich tatsächlich an den weltweit bekannten Philosophen. Und zweitens hielt sich in Judtschen der junge Kant auf, in Groß Wohnsdorf aber war in den 60er und 70er Jahren des 18. Jahrhunderts der bereits erfahrene Philosoph zu Gast.


„An den hohen Ufern der Alle“
Die Geschichte der Burg Groß Wohnsdorf ist lang und ereignisreich. Gegründet wurde sie 1356 und hat seitdem viel durchgemacht. Von 1702 bis 1945 gehörte sie der Familie von Schrötter. Es ergab sich, dass Kant mit dem Minister und Oberpräsidenten Friedrich Leopold Freiherr von Schrötter (1743-1815) befreundet war. Der Philosoph mochte es, auf dem Gut des Freundes zu Gast zu sein, auf der Terrasse am Eingang zum Torturm zu sitzen, Kaffee zu trinken und Pfeife zu rauchen.


Der Vorsitzende der Gesellschaft „Freunde Kants und Königsbergs e.V.“ Gerfried Horst führt in einem seiner Artikel die Erinnerungen des Schülers und Biographen Kants Reinhold Bernhard Jachmanns an: „Mir ist nur ein einziges Haus bekannt, das in meilenweiter Entfernung von Königsberg sehr oft auf mehrere Tage von unserm Weltweisen besucht worden ist und wo er sich so ganz nach seinem Geschmack glücklich gefühlt hat, nämlich das väterliche Haus des Ministers und Kanzlers v. Schrötter zu Wohnsdorf. Kant wußte nicht genug zu rühmen, welche Humanität in diesem Hause seines Freundes geherrscht habe und mit welcher ausgezeichneten Freundschaft er von dem vortrefflichen Mann, gegen den er noch im Alter die größte Hochachtung hegte, stets aufgenommen worden ist. Besonders versicherte er hier die angenehmste ländliche Erholung gefunden zu haben, weil sein humaner Gastfreund ihn nie eingeschränkt habe, ganz wie in seinem eigenen Hause, nach seinem Geschmack zu leben.“


Ein weiteres Zeugnis für den Besuch Kants in Groß Wohnsdorf lässt sich in dem Buch eines weiteren Schülers Kants, Ehregott Andreas Christoph Wasianski, mit dem Titel „Immanuel Kant in seinen letzten Lebensjahren“ finden: „Mit fast poetischer Malerei, die Kant sonst in seinen Erzählungen gerne vermied, schilderte er mir in der Folge das Vergnügen, welches ein schöner Sommermorgen in den frühern Jahren seines Lebens ihm auf einem Rittergute, in der dort befindlichen Gartenlaube an den hohen Ufern der Alle (heute: Lawa – Anm. d. Verf.), bei einer Tasse Kaffee und einer Pfeife gemacht hatte.“


Im Jahre 1790 wurde die Burg Groß Wohnsdorf bei einem Feuer ernsthaft beschädigt und fast gänzlich zerstört. Übrig blieb nur der Torturm. Später baute der zu dieser Zeit bekannte Architekt Friedrich Gilly den Turm etwas um, wobei er ein antikisierendes Kranzgesims hinzufügte und das Satteldach durch ein geschweiftes Bohlendach ersetzte. All das wäre kein Problem, aber 1830 kam es wieder zu einem Brand. Der Turm hielt erneut stand, doch leben konnte man dort nicht mehr. Die Familie Schrötter kam nicht umhin, in der Nähe ein Haus zu bauen, in das sie umzog. Dieses Herrenhaus ist erhalten, und über sein Schicksal berichten wir ein anderes Mal.


„Nach 1945 war der Turm in gutem Zustand, wurde allerdings nicht genutzt“, schreibt der Heimatkundler Anatolij Bachtin in seinem Buch „Burgen und Festungen des Deutschen Ordens“. „Bald fielen die Dachziegel ab, was zum Einsturz des Daches führte. Nach und nach brachen auch die Zwischendecken der Etagen ein. Im Jahr 2002 versuchten Bewohner der Umgebung, die Ziegel des Turmes abzutragen. Zum heutigen Tage (Bachtins Buch ist 2005 erschienen – Anm. d. Verf.) sind von der Burg die Ruinen des Turmes, kleine Fragmente der Festungsmauern und Reste des Walls erhalten geblieben.“


Träume und Warnung
Dreizehn Jahre später ergibt sich genau das gleiche Bild. Fast genau das gleiche. Die Sache ist die, dass der Historiker und Unternehmer Wladimir Sosinow das Objekt, das der Russisch-Orthodoxen Kirche gehört, gepachtet hat. Nun ist er damit beschäftigt, das umliegende Gebiet zu verschönern. Dabei ist auch ein Busch auf dem Wall herausgerissen worden.


Der Leiter der regionalen  Denkmalschutzbehörde, Ewgenij Maslow, sieht nichts Verwerfliches im Herausreißen eines Busches, rät dabei aber kategorisch jedem davon ab, eigenständig auf einem vom Staat geschützten Objekt aktiv zu werden.


„Ich habe dieser Tage mit Vertretern der Diözese gesprochen und sie gebeten, schnellstmöglich darüber zu informieren, auf welcher Grundlage und unter welchen Bedingungen das Objekt in Pacht gegeben worden ist“, teilte Ewgeni Maslow einem Korrespondenten von „Strana Kaliningrad“ mit.


Wladimir Sosinow versichert seinerseits, dass er den Turm selbst nicht angerührt habe. Als einziges hat er angeordnet, den Zugang mit einem Holzzaun zu versperren, damit „Ziegeldiebe“ nicht hineingelangen können.


„Ich verstehe, dass der Turm ein Objekt des kulturellen Erbes mit regionaler Bedeutung darstellt, und beabsichtige, ausschließlich im Rahmen des Gesetzes zu handeln“, sagt er.
Hierbei hegt er den Traum, die Ruinen der Burg Groß Wohnsdorf in eine Touristenattraktion zu verwandeln, so herzurichten, dass das Dorf Kurortnoje seinem Namen in vollem Umfang gerecht wird. Umso mehr, als der Ort in der Tat sehr malerisch ist: von der Anhöhe, auf der die Turmruine steht, eröffnet sich eine erstaunlich schöne Sicht auf den Fluss. Es wäre wunderbar, wie Kant in einer Laube neben dem Turm zu sitzen (oder vielleicht gar im Turm selbst, wenn er wiederaufgebaut wird), Kaffee zu trinken und sich an der Schönheit der Lawa zu ergötzen.

© 2018 Kirill Sinkowskij

© 2019 FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V.

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