Ansprache zum 296. Geburtstag Immanuel Kants

am 22. April 2020 

 

 

Liebe Freunde Kants,

​meine Damen und Herren!

 

Zum Geburtstag Immanuel Kants ist eine Gruppe von Freunden Kants immer nach Königsberg/Kaliningrad gefahren, und für mich als Vorsitzender der Gesellschaft FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V. war es dann eine besondere Ehre, vor Kant-Freunden aus Deutschland, Russland und anderen Ländern der Welt einige Worte am Grabe des großen Philosophen sagen zu dürfen. Heute, am 22. April 2020, ist das zum ersten Mal nicht möglich; wir alle müssen zum Schutz unserer Gesundheit zuhause bleiben. Deswegen sende ich Ihnen diese Videobotschaft. Stellen wir uns aber vor, dass wir heute zusammen am Grabe Kants stehen, um das Andenken an den großen Humanisten und Friedensdenker zu ehren.

 

Was hat uns Kant in der aktuellen Lage zu sagen? Lassen Sie mich etwas aus seinem Aufsatz „Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte“ zitieren:

 

Zitat: „Der denkende Mensch fühlt einen Kummer, …von welchem der Gedankenlose nichts weiß: nämlich Unzufriedenheit mit der Vorsehung, die den Weltlauf im Ganzen regiert, wenn er die Übel überschlägt, die das menschliche Geschlecht so sehr und (wie es scheint) ohne Hoffnung eines Bessern drücken. Es ist aber von der größten Wichtigkeit: mit der Vorsehung zufrieden zu sein (ob sie uns gleich auf unserer Erdenwelt eine so mühsame Bahn vorgezeichnet hat): teils um unter den Mühseligkeiten immer noch Mut zu fassen, teils um, indem wir die Schuld davon aufs Schicksal schieben, nicht unsere eigene, die vielleicht die einzige Ursache aller dieser Übel sein mag, darüber aus dem Auge zu setzen und in der Selbstbesserung die Hilfe dagegen zu versäumen.“

Ende des Zitats.

 

Ich will versuchen, diesen Text aus dem 18. Jahrhundert in unsere heutige Sprache zu übersetzen: Obwohl die Welt voll Not und Elend ist, sollen wir nicht verzweifeln, sondern den Lauf der Dinge annehmen, ja, sogar damit zufrieden sein. Warum? Kant nennt dafür zwei Gründe: Erstens, damit wir nicht den Mut verlieren. Zweitens damit wir, anstatt die Schuld für alles Schlechte auf das Schicksal zu schieben, uns vielmehr die Frage stellen, ob wir möglicherweise selbst die Ursache des Übels sind und wie wir, indem wir uns selbst bessern, die Welt positiv verändern können.

 

Wie ist das zu verstehen? Bin ich etwa selbst schuld an der Corona-Pandemie? Als gesellschaftspolitisch denkender Mensch könnte ich darauf antworten: Die Weltordnung, in der ich lebe und handele, hat es ermöglicht, dass sich das Corona-Virus weltweit verbreitet. Habe ich damit die Corona-Pandemie vielleicht indirekt mitverursacht? Unabhängig von der Antwort auf diese Frage wäre es jedenfalls nicht im Sinne Kants, angesichts der aktuellen Krise zu resignieren. Vielmehr sollen wir uns fragen: Was kann ich selbst zu einer Besserung der schwierigen Lage beitragen? Genau das beobachten wir derzeit um uns herum: Auch wenn wir räumlich Abstand halten müssen, so rücken wir doch innerlich näher zusammen. Unzählige Menschen helfen anderen, selbst wenn sie sie nicht kennen. Unzählige Menschen helfen anderen, selbst wenn sie diese nicht kennen. Neue Kontakte werden telefonisch oder elektronisch sogar zu solchen Menschen geknüpft, an die wir sonst kein Wort gerichtet hätten. Immer mehr Menschen wird bewusst, wie wichtig es für unsere Welt ist, dass alle Völker in Frieden leben und einander helfen. Möge dieser positive Effekt der Pandemie-Krise nachhaltige Wirkung haben!

 

In der nächsten Zeit wird uns die Pandemie-Krise noch vor manche Herausforderungen stellen, die wir hoffentlich bewältigen werden. Wir freuen uns darauf, den Geburtstag Immanuel Kants am 22. April 2021 wieder in seiner Heimatstadt feiern zu können. Wir hoffen, dass daran Kant-Freunde aus vielen Ländern teilnehmen werden und dass die internationale Beteiligung an der Feier von Kants Geburtstag jedes Jahr weiter wächst. Der 300. Geburtstag des Königsberger Philosophen am 22. April 2024 wird ein Ereignis von weltweiter Bedeutung sein. Lassen Sie uns auf dieses Friedensfest gemeinsam hinarbeiten!

 

Ich wünsche Ihnen Gesundheit und alles Gute und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Ihr Gerfried Horst

 

Vorsitzender

FREUNDE KANTS UND KÖNIGSBERGS e.V.

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